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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 304

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 304 (sequence 55)
Language
German
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sprochen, wird der Ehrfürchtige zum Bildner, wie er gebildet ist, Mann auch für das Volk, ob er selber auch volklos bleibt, Demokrat in der Wirkung, wie er persönlich aristokratisch lebt. Denn dieser Aristokrat hat keine Aristokratie, für die er kämpfen könnte. Da fehlt die Oligarchie, da fehlt die Feudalität, da fehlt die Tyrannei. So schlägt das Bild scheinbar ins Gegenteil um. Ist Haltung nur Vorbereitung auf Tat? Doch nicht, wohl aber ist Tat Nachbereitung der Haltung. Und Haltung wäre ja nur Theater, nur angenommene Attitüde, wenn sie nicht erzieherisch gemeint wäre, wenn keine Lebenspädagogik darauf fußen soll, wenn keine Tat daraus ihren Ursprung gewönne. So erweitert sich das Theater, das vollkommenes Abbild des Seins ist, zum Sein selber. Und in den drei Richtungen der Ehrfurcht gewinnt Goethe, der Erzieher, eine universale Bestimmung und einen universalen Inhalt. Schien es zuerst so, als könnte sich Goethe damit begnügen, einen Menschen zur Haltung schlechtweg zu erziehen, so erfahren wir nunmehr, daß die Haltung ihn zur „Welt66 erziehen soll. Und die pädagogische Provinz wird zur weitweiten Universalschau aller Dinge. Auf die Enge folgt die Weite, auf die Stilisierung die stoffliche Füllung, auf die Gebärde die Eroberung. Es ist ein System, was keimhaft in der bloßen Haltung schlummert. Weltumspannende Philosophie wird aus dem kleinen Samen geboren. Welt Ordnung erhebt sich auf dem Grunde einer ordnenden Gebärde. Schein zum Sein bestimmt — wird Sein! Inwieweit ist nun diese Haltung und die der Haltung zu verdankende Ordnung eine Bindung? Wenn die Bindung nur von innen nach außen gehen soll, hat sie keinen weiten Bereich ihrer Wirkung. Denn Goethe bindet zwar das Draußen an das Drinnen, aber das Drinnen nicht an das Draußen. Das Drinnen wird vielmehr entbunden, und das allumspannende Lösen, dem sich Goethe hingibt, löst gewiß nicht auf, löst ja nur, um zu lösen. Denn Lösung ist Goethe alles. Wird Schein zu Sein, so müssen wir die scheinlose, blinde und lichtlose Grausamkeit des Seins missen, Existenz wird nicht aufgerollt. Wenn Goethe an die Details seiner Pädagogik herangeht, überwältigt ihn bare Verständigkeit. Verantwortungslosigkeit vor dem Draußen enthebt den Ehrfürchtigen aus Entweder-oder-Entscheidungen der Existenz in ein Spiel von Verstandeserwägungen und Verstandes Vermittlungen. Das gibt 304

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