Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 303

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 303 (sequence 54)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823773--1290-2825106
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

daraus herleiten, kein präzises Verantwortlichkeitsbewußtsein davon gewinnen. Der Aristokrat ist auch ein zweckloser Mensch, weil er nicht unmittelbar in die Weltarbeit verstrickt ist, ihren Schweiß nicht erleidet. Volkhaft wird Goethe nie. Menschhaft ist er immer. Ist Ehrfurcht Haltung, so ist sie Haltung schlechtweg — einzige Haltung, die sich selber Sinn und Bedeutung verleiht. Wieder ist Drinnen Draußen und wechselumgekehrt. Minderwertigkeit des Draußen, Verschwommenheit des Drinnen sollen beide abgewehrt sein. Der Leib wird total sinnhaft, die Seele total Gestalt. Keine unendliche Kette wird angestückt. Die Gestalthaftigkeit der Seele sichert Goethen gegen Romantik, die totale Sonnenhaftigkeit des Leibes hemmt ihn vor dem Christentum. Antik, klassisch, ist er gleichwohl unverkürzt modern, denn sein Menschentum erstrebt nicht noch duldet geschlossene, verschlossene Persönlichkeit, wirklich antiken Menschen. Haltung ist alles. Sie muß daher auch alles umfassen. So bekommt Haltung Richtungen. Die Gliederung in ihnen gibt dem Vorgang der Haltung Wirklichkeit. Nach oben, nach unten, geradeaus! Dort das Ideal, hier die Tragik, zuletzt der Ernst. Dort Gott, hier das Geschick, zuletzt das tätige Leben. Handeln darf nicht Ziel, sondern soll Frucht sein. Denn der Aristokrat, nicht im Blute als solcher geboren, sondern dazu erkoren und durch Geist erzieherisch geprägt, ist sinnvoll bestimmter Aristokrat, Aristokrat des Leitens, des Handelns, des selber Erziehens. Führer. Lehrer, Täter sind die drei Richtungseffekte der ehrfürchtigen Haltung. Der Lehrer schaut auf den Himmel, der Führer blickt nieder auf die Geschicke und Leiden, der Täter schaut geradeaus in die Welt, gegen die er Front macht", wie Goethe sein Handeln heißt. Ehrfurcht als Lebenssinngeber bedeutet aber wieder ReMgnatiou. Sowohl die Lehre wie die Führung wie die Tat werden, ehe sie geboren werden, unter ein beschränkendes Gesetz gebracht. Sie dürfen sieh nicht ausleben noch hingeben. Hier wird der Reiche arm, der Arme aber begütert. Jede echte Aristokratie mäßigt die natürlichen Unterscheidungen des Besitzes und der Begabung. Deshalb kann sich keine Aristokratie o o gegen Demokratie ganz verwahren. Ohne Resignation würde das Demokratische sogar schnell durchdringen. Hier sind wir nun ganz im Mittelpunkt Goetheschen Wesens: An den Grenzen der Welt verzichtend, so hat es Goethe einmal ausge- 303

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.