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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 305

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 305 (sequence 56)
Language
German
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jenen oft beinahe komischen Goethe, der die Kleinigkeiten des Daseins als große Dinge behandelt und den Millimeter mißt wie die .Meile. Das größte Genie verachtet die Genialität. Als wollte es sieh selbst korrigieren, unterwirft es die Willkür rein geistiger Tätigkeiten, z. B. der Musik, einem pedantisch-strengen Lerngetriebe. „Was uns aber zu strengen Forderungen, zu entschiedenen Gesetzen am meisten berechtigt, ist: daß gerade das Genie, das angeborene Talent sie am ersten begreift, ihnen den willigsten Gehorsam leistet44, auf daß es bleibt, daß „die vorzüglichsten Menschen übereinkamen, das Notwendige, das l nerläljliehe für das Beste zu halten; und gereicht es nicht überall zum Glück?" Nichts ist peinlicher, als die Gebundenheit des Genies an sieh selbst. Ihr entläuft Goethe wie Luther dem Kloster und wie Augustin den Philosophien. Aber hierin ihn als Lehrer und Interpreten des Lehens zu nehmen wird unmöglich. Ohne Verantw Ortung vor dem Draußen, muß ihm zum Grundsatz werden: „unser ganzes Leben und Sein ist Ausstellung". Und gerade das was in Goethes Welt gesetzgebend herrseht, das Theater des Scheins, Seinswerdung, die Bindung des Draußen an das Drinnen ohne Rückkoppelung des Drinnen an das Draußen, wird unter laut vernehmbaren Schmerzensw orten des Dichters und seiner gedic hteten Hauptgestalt, Wilhelm Meister, in der pädagogischen Provinz von dem Bildungsprinzip, das dort regiert, ausgeschlossen und verbannt. Im Rahmen der Künste empört sich die Verständigkeit pädagogischer Kunsterwägung gegen die Lebensstilisierung des Theaters. Wenn jede Kunst sich vom Einzelnen soweit entfernen will, daß sie „allen anzugehören seheinen ' <. möge44, wenn die bildenden Künstler wie Könige und Götter leben sollen, weil sie ,,in der Außenwelt leben und ihr Inneres gleichsam unbewußt an und in dem Auswendigen manifestieren", während die Musiker primitiv und einfach hausen, weil ,,sie immer in sieh selbst gekehrt sein müssen, ihr Inneres auszubilden, um es nach außen zu kehren*\ so fallen alle existenziellen Bindungen der Lebensstilisierung hinweg, und das Theater wird zum Verführer für den, der von ihm die Grundsätze der Lebensform bezieht. Ja, muß, so frägt sich Goethe, nicht auch er selbst sieh vorwerfen, er habe „im vielfachen Sinne mehr Leben und Kräfte als billig dem Theater zugewendet"? Was bleibt da übrig als festzustellen, daß „die theatralische Sendung44 W ilhelm Meisters in ihrem Schlußstück ..Pädagogische Provinz" sich selbst aufhebt? Allerdings, wo\ erneinung Selbst- 305

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