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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 302

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 302 (sequence 53)
Language
German
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dem Ideal? Oder Ehrfurcht selber als Ideal? Letzteres trifft zu. Daher eine Pädagogik ohne Zweck. Keine Politeia. Und wiederum das Gegenteil Piatons. Heute macht man mit Ehrfurcht Zweckpädagogik. Das hat Goethe nicht hervorrufen wollen. Ehrfurcht vor dem Leben, das ist eines der beliebten Zeitworte. Goethe hatte nicht vor etwas Ehrfurcht, denn er hatte Ehrfurcht an sich. Hierin liegt seine heile Bedeutung. Die pädagogische Provinz wäre mehr ein Kloster zu heißen, wenn es je Klöster gegeben hat. die sehr so nur das Leben nach der Art der Lilien auf dem Felde gekannt hätten. Aber, wendet man ein, wird in Goethes pädagogischer Provinz nicht unterrichtet und gelernt? sicherlich, denn Faulheit und mystisches Auf-den-Nabel-Schauen war dem Meister mehr zuwider als zweckerfüllte Aufzucht. Und doch führt die Ehrfurcht, die dort geübt wird, nirgendwohin. Weder nach ,,dort", noch nach „hier". Sie vertritt keine Weltanschauung. Da ist alles drinnen wie draußen. Da ist nichts droben, nichts drunten, kein Gericht — denn das Dasein ist das Gericht, und doch keine öde Gleichmacherei, keine taube Toleranz, keine weiche Gutmütigkeit. Und betrachten wir Goethes Gebot der Ehrfurcht nun genauer, denn Gebot ist es für ihn. Drei Richtungen, jede der anderen gleichwertig, obschon nicht gleichartig und daher abgestuft! Goethe geht von der Voraussetzung aus, die nachzuprüfen wäre, daß dem Menschen von Natur keine Ehrfurcht innewohne. Hat sich für Goethe Erbsünde so verwandelt? Ehrfurchtslosigkeit? oder spricht hier eine bestimmte vereinzelte Kultur- und Zeiterfahrung? Schwer zu entscheiden! Jedenfalls verhält es sich so, daß die vererbte Sündhaftigkeit Goethe in der Erscheinung mangelnder Ehrfurcht sichtbar wird. Was aber ist Ehrfurcht? ein Schweigen, ein Stillesein, ein Ansich-Halten! Der Ehrfurchtslose schwatzt, betäubt sich, faßt alles mit ungeschickten Fingern an. Wenn die Ehrfurcht Goethes Erziehungsziel darstellt, so nennen wir solches Ziel eine Haltung, nicht ein Tun, nicht ein Denken, nicht ein Können. Und in inneren und äußeren Haltungen drückt sich die Ehrfurcht dreifach aus. Der Mensch schult zu Wissen, zu Können, zu Tun. Goethe schult zu Haltung, zu Sein, das Dasein in sich aufgelöst hat. Ein solches Erziehen scheint zwecklos. Keine eindeutige Aufgabenstellung läßt sich 302

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