Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 300 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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strack und mutig; die Arme niedergesenkt, wendeten sie den Kopf nach der rechten Seite und stellten sich in eine Reihe, anstatt daß jene vereinzelt blieben, wo man sie traf". Das ist keine plastische Gruppe, sondern ein Bühnenbild, das vollbeleuchtet ständig wechseln kann, und tatsächlich dauernd neue Stellungen einnimmt: Lebendige Gruppe! In ihr sah Goethe das Leben, nie anders. Es war seine Form zu schauen, zu beobachten, zu erleben, zu verarbeiten. Wie man bei einem jeden organischen Wesen eine Form feststellen kann, in der es Umwelt aufnimmt und verdaut, so ist es bei Goethe diese Art, die im Theater ihre beispielhafte Form besitzt. Wilhelm Meister sucht das Weib. Dieses Suchen verkörpert nicht erotische Persönlichkeitsentfaltung; Wilhelm bleibt bei allen seinen Begegnungen mit Frauen persönlich ein unerotischer Mensch. Sucht er das Weib, so sucht er das Maß, den Menschen, das Geheimnis oder vielmehr die Offenbarung des Geheimnisses. Natalie erfüllt ihm nicht sein erotisches, sondern sein menschliches Ideal. Was in ihm und in Goethe anfaßt möchte man sagen unvermeidlicher — Erotik enthalten ist, wird vorher abgewickelt. Die Entwicklung geht von Erotik fort, über sie hinaus. Therese als Episode bringt für Wilhelm seine vollständige Enterotisierung. Das entspricht zwar nicht Goethes Natur, aber es entspricht seiner Idee, und er hält sich für diese nicht unbeträchtliche Askese — merkwürdig wie man aus Goethe gerne das Gegenteil eines Asketen gemacht hat! — schadlos, indem er ein erotisches Märchen dichtet, ,,Die neue Melusine", und sein ganzes erotisches Empfinden hineingießt. Aber auch da hat er sich vorher durch die Heilige Familie" rückversichert bei der Askese: ..Die neue Melusine" bleibt Märchen, und „Der Mann von fünfzig Jahren" gibt nur einen Nachklang zur Erotik, damit die Askese die Persönlichkeit durch eine tragische Wendung befriedigt. Zuletzt, die Erotik wird nicht verbannt. Das Weib als Inkarnation im Theater, soll heißen Inkarnation von Draußen und Drinnen, von Schein und Sein, ist in der Welt Goethes unentbehrlich, rettet den Menschen im Manne, rettet das Geschlecht, um es nicht abzutöten. Ist Natalie Inkarnation der Askese, ist sie Heilige? Vorfrage: was ist Mignon? wiederum Askese, nämlich Erotik ins Kindhafte zurückgedrängt und im Kindhaften aufgenommen. Natalie also ist Weib, nicht Heilige 300