Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 299

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 299 (sequence 50)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823773--1286-2825102
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bildete Goethe seine Schauspieler aus, und so ließ er durch die Bühne seinen Wilhelm Meister sich bilden. Gebildetsein heißt Klassizismus, das soll heißen Form allumlichtet, Schattenwelt im Hintergrund, Menschen« wort im Vordergrund, der Leib in der Mitte. Der Raum wird Bild, aber das Bild wird Leben. Voll Wut konnte Goethe Schauspieler anschreien, die es wagten auch nur in einer Probe aus der Kulisse herauszutreten, ja nur mit neugierigen Augen sichtbar zu werden; sie störten den Kosmos der Offenbarkeit; das war ihm wie wenn der Christ den Satan eine Kirche betreten sieht. Das Theater bietet den geschlossenen Menschen. Dort ist der Mensch, dort wird er nicht. Ist er auch nur Schein, so ist dieser Schein doch ein ganzer voller Abglanz des Lebens. Es ist ja nur das Draußen, und vom Draußen verlangt Goethe nicht die Würde des Droben. Dankbar genug für wenigstens diese eine Befreiung vom Formlosen, vom bloßen erden, von der Unklarheit des Drängens und Wollens, findet Goethe auf der Bühne die Uberwindung des Geheimnisses, und darin das Gleichnis zur Aristokratie der Gesellschaft. Man hat seine Hintergründe, aber man lebt im Vordergrund. Man steht ganz im Licht, aber man läßt sich seine Geheimnisse nicht rauben. Denn das ,,Sein" soll gerade „Schein" sein, um das Geheimnis zu retten und doch frei vom Geheimnis zu leben. Man mache sich deutlich, wie unplatonisch dieses Lebensgefühl war. Dringt der Platoniker immer hinter das Sein, entkleidet metaphysische Kerne aus vormetaphysischen Hüllen, so gewährt Goethe sogar dem Uneigentlichen die Vollgeltung des Eigentlichen. Plato macht Sein zu Schein, Goethe Schein zu Sein. So seinshaft gründet sich ihm die \\ irklichkeit. So „schön, edel, gut44 ist die Welt. So weit reicht der Arm des Droben Seienden, bis in das Draußen, und schlägt den seinsmüden Drinnenverehrer nieder, den Pietisten, Goethes Zeitgenossen, zu dem auch er selber im Feuer der Jugend, die des Seins eher entraten kann. Bruder gesagt hatte. Als Wilhelm Meister mit seinen Begleitern die pädagogische Provinz betrat, bot sich ihm unter Führung einer der Aufseher der Provinz, der ihn geleitet, folgendes Bild: Die an der Ernte arbeitenden Knaben und Jünglinge taten also, ,,die jüngsten legten die Arme kreuzweise über die Brust und blickten fröhlich gen Himmel, die mittleren hielten die Arme auf den Rücken und schauten lächelnd zur Erde, die dritten standen 299

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.