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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 298

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 298 (sequence 49)
Language
German
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Was zu groß ist, wird zum Geheimnis gemacht und hinter eine Wand gestellt, um für das Kleine tragbar zu sein. Anstatt einer hierarchischen Ordnung gibt uns Goethe stets eine solche, die — wie im Theater mit seinen Kulissen — Vorder- und Hintergrund kennt, vielleicht in mehrfacher Schichtung vor- und hintereinander. Man kann bei Goethe geradezu von einer intensiven Abneigung gegen jede überordnende Lebensordnung sprechen. Die patriarchalische Hierarchie hat — gerade seine bürgerlichpatriarchalischen Dichtungen, Hermann und Dorothea, Die natürliche Tochter belegen es — bei ihm keinen Platz mehr. So tritt das sonst Obere in einen Hintergrund, der durch geheimnisvolle Bedeutung gehoben, durch maskierende Verkleidung geschützt wird. Lebensgeheimnis und Lebensschutz gehören Goethe zusammen. Und der Akt der Offenbarung, auch Goethe wohlbekannt, enthüllt und demaskiert, anstatt aus einer anderen Welt hereinzubrechen. Wie hätte sich Goethe mit der geläufigen Verkündigung einer der christlichen Kirchen auf die Dauer — zeitweise hat er es sehr vermocht — befreunden können, wenn er so entschieden die Projektion auf die diesseitige Lebensebene vollzog und festhielt? Das Geheimnis muß dann allerdings erst künstlich hergestellt werden. Da haben wir den Zugang zu den Denkformen, in denen Goethe in der Pädagogischen Provinz sein Lebensgefühl ab- und bewertend entwickelt hat. Die besondere Rolle des Theaters in Goethes Leben und Anschauung ersieht man daraus, daß es außer dem Theater nirgends ein volles und ganzes „Draußen" gibt. Im Draußen sucht der die Offenbarung im Räume Erwartende seine Sendung. Dort findet er zwar nicht die Sendung, aber die Gestalt. So normiert Goethe für die Bühne die Worte „Schönes und Gutes". Das sind keine Götter, keine Regenten der oberen Welt, sondern offenbarte Gestalten der unteren Welt. Was denn hat der gläubige Mensch dagegen einzuwenden, daß seine himmlischen Personen, wenn von ihnen gar nicht geredet wird, auf Erden „Das Schöne", „das Gute", „das Edle" heißen? Deshalb hätte Goethe nicht eine Kindstaufe im Namen des „Schönen, Guten und Edlen" vollziehen können, und zwar nicht nur aus Verstand, der ihn an solcher Geschmacklosigkeit hinderte, sondern weil er das Schöne, Gute und Edle anders schaute und verehrte denn als Götter, vielmehr: Bild des Lebens, Plastik der Enträtselung. Gestalt der Schaubarkeit. Goethe kennt keine Götzen. So 298

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