Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 296 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Landstreicher waren es. Landstreicher haben die Grundsteine zu den dauernden Städten gelegt. Aneas verließ das zerstörte Troja und gründete Rom. Die Märtyrer, auf deren sagenhaften Gräbern Würzburg oder Augsburg erbaut sind, waren auch nichts anderes als Landstreicher. Sie waren Träger einer Botschaft, nicht jedermann willkommen. Sie gingen ihren Weg an den Strömen hin und auf beschwerlichen Märschen durch die Wälder. Sie gingen immer ein Stück weiter als die Kaufleute, die Gesandten und die Pilger, die ja auch immer auf den Beinen sind. Sie. diese Landstreicher, trugen eine Botschaft und starben für sie; ihre Knochen sind Reliquien geworden. Könnt ihr euch vorstellen, daß ein Kolonialwarenhändler Amerika entdeckt hätte? Kolumbus wäre mit seinen winzigen Nußschalen nicht in See gestochen und hätte sein abenteuerliches Ziel nicht erreicht, wenn er es mit pensionsberechtigten Matrosen hätte machen müssen. Seine Mannschaft war zusammengekratzt von der Landstraße, aus den Gefängnissen. Sibirien, Indien wären den Abenteurern, die Europa herausspie, nicht in die Hände gefallen ohne die verzweifelten und enterbten jüngeren Söhne, die sich ihrer Führung unterstellten. Durch sie ist geworden, was heute ist. Wir sehen wieder und wieder: die Landstreicher, die Vagabunden waren es, die überall den Anfang gemacht haben. Sie wrandern, sie haben sich auf eine andere Kraft gestellt als auf Haus und Besitz. Der Landstreicher steht mit seiner Unruhe und seinem Leid mehr auf der Erde als viele andere. Staat, Partei und Kirche, diese Wände und Kulissen, kommen einem echten Gewitter, einer ausgestirnten Nacht nicht gleich, sie verstellen nur den roten Mars des Zornes, den goldenen Jupiter des Weltvertrauens, die weiße Venus des Verlangens und die herrliche, alles liebende Sonne. Es gibt auch Menschen, und das will ich hier sagen, die lieber geistig bei Mutter Grün übernachten als im noch so wohlgemachten Bett der Dogmen, der Paragraphen und Privilegien. Was wissen aber auch die andern von der inneren Ruhe und Freiheit des Vagabunden? Mehr als der Bauer ist der Vagabund mit der Erde verbunden und ihr nahe. Und auch viele mit der Fahrkarte und dem Koffer sind nichts anderes als die ewig Gehetzten und Heimlosen unserer Zeit, die Sucher und die Hungernden, die auf Änderung dringen. Ich will nicht mehr, als euch einen Gruß bringen und einen Hinweis geben auf die Aufgabe der Dichter, die immer im Gegensatz zur Gesellschaft sein werden, gleichviel was für eine Gesellschaft es sei. In den Menschen ist ein ewiger Trieb, sich an den Rand zu leben, und die es wirklich tun, das sind die, mit denen keine Gesellschaft jemals ganz fertig wird, die Kunden und die Künstler, dieses salzige, dürstende Element. Wie Homer selbst den Olymp lächerlich machte, so betrachten Dichter und Landstreicher die Gesellschaft und ihre gesalbten Worte. Alles prüfend betrachten ... so sehen wir hinter dem Schein, den Vorspiegelungen der Ordnung die große Not! Diese Not in unser Wissen und in unsern Willen aufzunehmen, um sie endlich zu besiegen, und die Botschaft in uns, daß sie eine frohe Botschaft sei, das ist der Gruß der Künstler und Dichter der Welt, den ich euch überbringe. 296