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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 295

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 295 (sequence 46)
Language
German
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geblieben. Am Abend saßen im Halbdunkel der Baumgruppe um den Hol/tisch mit ihrem Brot in der Hand eine Anzahl beisammen, die sieh Geschichten, Schnurren erzählten, wie man sie in der Stadt nicht hört, derbe ländliche Sueben von Bauern, Weibern und Mönchen, die Anekdote von Bismarck im Himmel, die Scherzfragenach dem Lnterschied zwischen dem Weib und der Kuh. die Geschichte o vom Bauer, der seinen dummen Sohn ins Nonnenkloster schickt. Der jocus monachorum, dreizehntes, fünfzehntes Jahrhundert, war autgewacht, noch mit den Händen zu greifen . . . Leute standen eine Zeitlang erstaunt und kopfschüttelnd um die Gruppe herum. Mitten in der dichten Schar, die manchmal in ein gew altiges Lachen ausbrach, befand sich eine Frau, ein schönes ernstes Gesicht, eine w ändernde Frau aus dem Osterreichischen, wie man mir sagte: sie verzog keine Miene, -ie gehörte dazu und nahm auf ihre Weise teil an dieser Heiterkeit nach einem guten lag. Denn jeder hatte wohl etwas Befreiendes gespürt, es sind doch wahre und selten gehörte Dinge gesagt worden, und alle wußten, es geht morgen wieder weiter. Am Nachmittag hatte mir in der Menge unter den Bäumen ein kleiner Mann die Hand gegeben, er war eine Weile um mich herumgegangen, biihn der Wunsch, mir etwas zu sagen, endlich vor mir stehen ließ. Kr w ar ein Bibelforscher, manches von seinem Wissen stammte aus einem Buch über die P\ ramide von Gizeh mit ihren verschlungenen Gängen, die in ihrer drückenden Enge und ihren r> fs r- Lichtöffnungen den W eg durch die Zeitalter zeigen. ..Hier kann man es spüren," sagte er, ,,daß bald Dinge kommen werden, schlimmer noch als der Weltkrieg und die Inflation, und erst danach wird es endlich gut werden. Das Seufzen der Kreatur, hier konnte man es hören, und das Warten auf die Offenbarung der Sühne Gottes.wW — So ist auf der Tagung dies und jenes ausgesprochen worden, das Nüchterne neben dem Dunkelbewegenden, und niemand weiß, ob -ich die Begegnung jemals so oder anders wiederholen wird. o Liebe Kumpels! Ich will den andern Freunden, die euch mehr zu sagen haben als ich, die Zeit nicht wegnehmen und mich mit wenigen W orten begnügen. Ich v\ill nicht von der Landstraße reden, die ihr am besten kennt. Ich bringe euch den brüderlichen Gruß der Dichter und Künstler, dieimmer bei euch gewesen sind, die immer mit euch p waren, die immer mehr im Proletariat lebten als in der bürgerlichen Ge-elUchaft. Wo wir uns auch immer umsehen mögen, überall begegnen wir den Mächten, die ,,Ordnung44 schaffen wollen. Eine Ordnung, die keine ist. Auch uns wollen sie einfangen. ,,Einordnen44 nennen sie das. Aber in jedem Künstler lebt die Unruhe, eine innere Heimlosigkeit. Er fühlt sich nicht wohl, er traut den Dingen nicht, wenn er eingeengt oder angebunden ist. Gebunden sind wir. an einen W eg! Kommt zu uns! kommt zu uns herein! werdet seßhaft! nehmt ruhig unsere Gewohnheiten an! rufen sie uns zu. Aber ich frage: Was wollt ihr denn.'' Wer hat p denn überhaupt eure Städte gegründet? 295

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