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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 294

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 294 (sequence 45)
Language
German
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ging mündlich umher und durch seine kleine Zeitschrift „Der Kunde46. Dann hatte sich verbreitet, daß die Behörden die Tagung verboten hätten. Und was nun durch Gerücht und Gegengerücht hindurchgefunden hatte, stand unter den abendlichen Bäumen, und mancher, eben erst gekommen, hörte ausruhend und kauend zu. \ on dem, was auf der Tagung gesagt wurde, manches in heftigster Anklage, in Klage und Erregung, anderes in einer ruhigen Überlegenheit und Tiefe, die ergreifend fühlbar war. mögen diese Auszüge etwas sagen. Am Morgen lagerten wir unter den Bäumen auf der buckligen Wiese; da war übrigens auch Gräser aufgetaucht in seinem gelben, groben Kleid mit dem Netz am Gürtel, der bärtige Mann mit der etwas großen Gebärde und der feierlichen tiefen Stimme, die so gern das Wort Laotse ausspricht . . . Ich hörte einen in der dicht gelagerten Schar Stehenden sprechen, den Maler Tombrock, leidenschaftlich verworren und doch immer wieder sich erhebend zu starken Sätzen, einen vielgewanderten, kämpferischen Menschen aus dem Proletariat des Industriegebiets, jetzt hierher gekommen aus Zagreb in Südslawien, unterwegs nach Ägypten . . . Nach ihm den blonden ehemaligen Jesuiten, den jetzt alle Landstraßen der Welt befahrenden, der Gesellschaft fremd gewordenen Willy Hammelrath, der mit Anschaulichkeit und Kraft allem, was er über Bruderschaft und Gesellschaft sagte, ein Erlebnis aus dem Sudan zugrunde legte. Er war am oberen Nil mit Arabern in einem Boot gewesen, in einem Hafen hörte er von der Anwesenheit eines Deutschen, der dann auch auf seinem eigenen Hausboot den Landsmann bewirtet, nicht ohne ihm Vorwürfe wegen seines kameradschaftlichen Umgangs mit Farbigen zu machen und ihm später als Gastgeschenk eine Menge Flaschenbier und Fleischkonserven übersandte: lauter Dinge, die eben dieser rassebewußte Professor und Europäer besonders für diesen Fall ausgesucht zu haben schien. H. konnte diese Gaben mit seinen mohammedanischen Gastfreunden nicht teilen und sie ebensowenig für sich selbst verwenden; so versenkten sie das enttäuschende Gastgeschenk in den Nil . . . Die Rede von Rudolf Geist hörte ich nicht, wohl aber spürte ich noch am Abend in allen ihre Nachwirkung: tiefe Gefaßtheit, leidenschaftliches Behalten. Es waren neben wenigen gesprächigen, wenigen agitatorischen oder predigerhaften Menschen viele, wie mir schien, schweigsame Menschen in dem Kreis, die gelernt hatten, ihr Schicksal und ihr Wissen verschlossen herumzutragen, auch Gutgekleidete, bürgerliche Boheme des lokalen Bodens, unnütze beschwerliche, sonderlicher Einzelgänger, die herzukamen, zuhörten und gingen. Ich fühlte mich nicht fremd. Viele Kilometer waren da beisammen wie im W artesaal einer großen Station, noch mehr eigentlich das, was man nur erfahren und erwandern kann. Einer kam aus dem Schwarzwald und ging zurück in den Schwarzwald, weil er die gute Luft der Wälder brauchte, aber er erzählte von der Ile de France und von Nordafrika, als sei er ein Menschenalter dort gewesen. Manche waren vom Niederrhein, aber sie wußten auch in Lappland, in Apulien, in Griechenland Bescheid. Alte Speckjäger waren da, die Dialekte beherrschen wie andere die Weltsprachen, und der Studienrat ist auch auf der Landstraße Systematiker 294

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