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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 293

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 293 (sequence 44)
Language
German
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IRI
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ALFONS PAQUET EINE VAGABUNDENTAGUNG Eine Mitteilung darüber und eine der Ansprachen 1 Einen Bericht über die Vagabundentagung in Stuttgart kann ich doch nicht schreiben. Dafür unterschied sich das Treffen zu sehr vom Kongreß. Es war eine Ansammlung von Menschen, die mich alle bis ins einzelne interessiert hätten, denn es war ein menschlicher Boden, kein geistiger. Ich lernte nur wenige persönlich kennen. Und doch war es das Begegnen in einem Lebenszusammenhang. Ich war auch nicht von Anfang bis zu Ende bei dieser Tagung. Wohl war ich wegen der Tagung nach Stuttgart gekommen, Gregor Gog hatte mich eingeladen, auch andere Dichter; doch nur Heinrich Lersch und ich waren gekommen. Ich fuhr ein paarmal den langen Trambahn weg zum Weißenhof hinauf. Dort, hinter der neuen Baukolonie, die wie ein Spiel von weißen Würfeln über den Gärten und Weinbergen der fleißigen schwäbischen Hauptstadt liegt, kommt der Wald von allen Seiten. Nah einem tief eingeschnittenen Seitentälchen, das die Schlinge eines Fahrwegs umfaßt, sind ein paar W aldgrundstücke mit kleinen Wirtschaftshallen und Holzbänken, eines ist der Garten des Freidenkerjugend Vereins. Die Karusselgerüste und Reisewagen einer kleinen fahrenden Gesellschaft standen gerade an der Stelle, wo der W eg sich verzweigt. Als ich an dem schonen warmen Maiabend dort hinaufkam, hörte ich schon von weitem die Stimme eines Redners, das Händeklatschen und die Zurufe. Es war der Anfang der Tagung, und d**r Mann auf dem Holzgeländer, der Redner im Arbeiterkleid mit der säubern blauen Bluse war Gog. Zu seinen Füßen standen vielleicht hundert Menschen, ich kannte von ihnen nur Lersch und den bärtigen, zum Vagabunden gewordenen Studienrat Roltsch, den ich zuletzt im Roten Hamm am Oberrader Mainufer besucht hatte. Sonst waren viele unbekannte Gesichter da, verwegene, verwitterte und auch ahnungslos junge, und neben manchen Gestalten in verschabten Kleidern, in Hosen, an denen Klumpen Landstraße klebten, auch Wandervögel in ihrer Kluft; auch ein paar Frauen, auch ein Kinderwagen. Ich kenne Gregor Gog seit wir uns zum ersten Mal bei einer Zusammenkunft mit Quäkern aus Amerika, England und Indien in Eisenach begegneten; er lebt seit ein paar Jahren bei Stuttgart in einem kleinen Holzhaus, das er sich in einen gepachteten Obstgarten gebaut hat, er ist vor ein paar Jahren mit seiner jungen Frau und mit Nikolai Scheiermann auf einer Kundschaftsreise wegen Gründung einer Bruderschaftssiedelung in Brasilien gewesen und zurückgekehrt mit der Er- © o ~ kenntnis, ,,daß Brasilien reifer sei zum Untergang als Europa". Gog ist im Osten, imPosenschen aufgewachsen, war Seminarist, Fabrikarbeiter, KriegsschitFmatrose, hat China und die Südsee gesehen, nahm im Krieg das Leid der Dienstweigerung auf sich, kennt die Landstraße, war Musterreisender in der Nachkriegszeit, Gärtner und Schreiber. Er ist es, der die Vagabunden zusammengerufen hat. Die Einladung 293

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