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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 292

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 292 (sequence 43)
Language
German
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Moral" zu überführen, das heißt, aus der Sprache der persönlichen Imperativ- Rede in die der unpersönlichen Soll-Satzung zu übertragen, und sie, statt von dem in seiner Wirksamkeit so problematischen Willen Gottes, von der einigermaßen kontrollierbaren öffentlichen Meinung schützen zu lassen. Da aber auch diese Sicherung noch recht unvollkommen ist, werden die Gebote und Verbote weiter in die Sphäre des ..Rechtes44 geleitet, das heißt in die Sprache der Wenn-Festsetzung übertragen: „Wenn einer das und das tut, wird ihm solches und solches getan44; wobei als der Zweck des „solchen und solchen44 nicht die Beschränkung der Handlungsfreiheit des Rechtbrechers, sondern seine „Bestrafung44 bezeichnet wird - die Gesellschaft will also mathematisch-übersichtlich regeln, was Gott so zu regeln verschmäht hat. die Relation zwischen dem, was einer anstellt, und dem, was ihm widerfährt. Und nun gibt es endlich auch Vollzugsorgane, die — wenigstens grundsätzlich - präzise Arbeit leisten, Tribunal und Polizei, Kerkerwärter und Henker, Eigentümlicherweise läßt das Ergebnis immer noch zu wünschen übrig, wenn man etwa nach dem statistisch belegten Ausbleiben eines mindernden Einflusses der Todesstrafe auf die Zahl der Morde urteilen darf. Das alles (was ich hier der größern Deutlichkeit halber stark vereinfacht dargestellt habe, in der Geschichte nehmen sich die Vorgänge natürlich sehr viel verschlungener und umständlicher aus) ist so lange in Ordnung, als die „Übertragung44 nicht beansprucht, eine Übertragung zu sein. Hier ist Plagiat rechtmäßig, Zitat nicht. Wenn die Gesellschaft in ihrer Vermoralisierung und Verjurisierung der zehn Gebote nur nicht behauptet, daß das Produkt - also das des Ich und des Du beraubte Ich-zu-dir - noch die zehn Gebote sei, ist gegen ihre Tätigkeit nichts einzuwenden, da ja nicht zu erdenken ist, wie sie anders ihr Dasein fristen könnte. Unberührt von diesem massiven Betrieb bleibt die Situation der menschlichen Kreatur, die sich mitten in einer Begebenheit ihres persönlichen Lebens angeredet, mit Du angeredet erfährt: „Trage nicht SEINEN deines Gottes Namen auf den Wahn44 oder „Aussage nicht gegen deinen Genossen als Lugs Zeuge44; unberührt die Situation zwischen dem ohnmächtig-allmächtigen Sprecher und dem von ihm Angesprochnen, unberührt die gewagte, katastrophale, erlösende Situation des Glaubens. Wenn aber die Gesellschaft sich unterfinge, ihre stimmlose Moral und ihr gesichtsloses Recht für ebendasselbe, für das Wort, nur zeitgemäß aus dem überholten abergläubigen Drum und Dran hervorgeschält, auszugeben, dann wäre etwas geschehen, was noch nicht geschehen ist: und vielleicht wäre es dann für die Gesellschaft zu spät, zu merken, daß es Einen gibt, der es sich verbittet, von Bütteln und Henkern bedient zu werden. enn Sie, sehr werter Herr Haas, mich nunmehr nicht kurzerhand als einen für ..unsere Zeit44 Verlorenen aufgeben, mich vielmehr nun erst recht fragen sollten, was denn also mit den zehn Geboten anzufangen sei, würde ich antworten: Das, was ich selber zu meinem Teil versuche: zu ihnen hinzuführen. Nicht zu einer Buchrolle, nicht einmal zu den Steintafeln, auf die sie einst, nachdem sie gesprochen waren, „der Finger Gottes44 grub: sondern zu der Gesprochenheit des Wortes, zur Schrift der Stimme. 292

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