Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 277

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 277 (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823773--1264-2825080
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Partei als absolut ermächtigte, die andere aber nur mit wissenschaftlichem Rechte streitet. Trotz aller Bannflüche kann das kritische Denken erweisen, daß die Ermächtigung eine selbstgenommene und eingebildete Vollmacht ist, daß der Mensch zwar seine Systeme unendlich erw eitert hat, aber trotzdem kein Transzendentes die Kreise der Systeme jemals durchbricht. Auch die letzte Zuflucht möchte ich kurz andeuten. Auf Grund der Grundentscheidung und ihres Paradox von Natur und Übernatur, Mensch und Gott scheint es möglich, sich mit Ja und Nein spielend allen Angriffen mit Achselzucken lächelnd zu entziehen. Die Problematik läßt ja alles für die Entscheidung offen! In diesem lächelnden Spiel aber würde nur der ästhetische Charakter des neuen Denkens ganz deutlich werden. Der Idealist glaubt ja auch nur da ganz Mensch zu sein, wo er spielt (Schiller). Nach dieser Darstellung der Grundentscheidung des existentiellen Denkens und ihrer Kritik kann es nicht mehr verwunderlich erseheinen, daß wir trotz der scheinbaren Nähe unserer Absichten in allen Hauptthesen getrennt bleiben. Es bleibt zwischen einem durchaus dogmatischen, existentiellen und einem kritischen Denken zunächst eine tiefe Kluft. Aber nur so lange bleibt dieser Abstand bestehen, als sich der ..neue Denker* in seiner Grundentscheidung selbst täuscht und mißversteht. Nach der Beseitigung dieser bleibt Hoffnung auf eine Einigung rein wissenschaftlicher Art durchaus bestehen. Denn das Aufgeben eines Dogmatismus bedeutet noch nicht den Verzicht auf den wirklichen Glauben, sondern nur das Aufgeben eines absolut prinzipiell betonten Systems. Von dem wirklichen Glauben zu künden ist nicht Aufgabe der Philosophie. Da ich selbst nur als Philosoph und wissenschaftlicher Schriftsteller mich mit Ihnen zwecks Erkundung Ihrer Grundentscheidung an den Tisch setzte, so kann ich unser Gespräch mit der Hoffnung auf eine sachliche Einigung zugleich mit dem Ausdruck des Dankes und der Hochschätzung mit einem zusammenfassenden kritischen Satz abschließen: Eine Vereinigung von Philosophie und Theologie geschieht nur unter Gefährdung der Verantwortung in Gegenwart und Gemeinschaft, weil Absolutheitsansprüche noch gestellt werden. Gemeinschaft und Gegenwart bleiben als Problemfelder völlig außerhalb aller Svsteme liegen. c? r* Das „neue Denken44 bleibt durch seine dogmatische Grundentscheidung in dem unheimlichen Individualismus und metaphysischen Historismus eines Kierkegaard stecken, vielleicht ohne daß es selbst es weiß. — 4 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.