Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 276

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 276 (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823773--1263-2825079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erkennenden ist überhaupt noch nicht das Problem der endlichen Wirklichkeit, sondern die menschliche, erinnerte Gegenständlichkeit einer natürlichen Welt und einer ontologisch begründeten Geschichte. Wenn Sie selbst diese als wirklich beurteilen, so bleiben die Voraussetzungen dieses Urteils idealistisch. Sie können auch nicht behaupten, daß diese Existenz indiskutabel sei, das wäre sonst Dogmatik. Die Grundentscheidung als Ihre Glaubensgrundlage vermag Sie auch vor der Kritik nicht zu schützen, denn sie ist durch Ihre unberechtigte absolute Betonung Ihres Standortes gewonnen. Auch das Offenlassen Ihrer Dialektik bleibt ein Mißverständnis, denn jede dialektische Problematik hat die Antwort schon vorweg „systematisch" im Glauben behauptet. Nur innerhalb eines Zirkelsystems als gesehener Gestalt öffnet sich ein unendlicher Raum natürlicher Entwicklungsmöglichkeit, in welchem zwar durch den Tod eine Grenze für den Einzelnen gesetzt ist, aber nicht für das Wesen, dessen Wissenschaft und Bildung Sie existentiell für die Gattung behandeln. Dasjenige, von dem Sie die letzte entscheidende Wirkung als ein Wunder erhoffen, ist jedenfalls nicht ein Transzendentes, weil Ihr Gestaltsystem trotz der Unendlichkeit geschlossen ist. Es bleibt Ihnen nur noch die Möglichkeit, mit Kierkegaard und seinen Nachfolgern die Philosophie als systematische, antinomische Erkenntnis überhaupt zu verleugnen, d. h. zu bestreiten, daß Sie noch wissenschaftlich philosophieren wollen. Dann können Sie sich nur auf das Glaubensfeld einer Kirche und auf ihr Dogma zurückziehen und von hier aus den kritischen wissenschaftlichen Zugriff der Philosophie als Anwalt des Dogmas, d. h. als Theologe abwehren. Vielleicht läßt sich hier eine besondere theologische „Eristik" (Brunner) als Waffe gegen die krilische Philosophie erfinden. Aber aus dem Rechtsstreit der Wissenschaft würde dann ein Macht streit von Philosophie und Theologie werden, der ja in der Geschichte auch nichts Neues bedeutet. Es würde dann die Entscheidung in der Diskussion nicht mehr von der rechtlichen Begründung, sondern von der Bewährung durch politische äußerliche Erfolge erwartet (Pragmatismus). Damit wäre aber die philosophische Diskussion geschlossen, denn Sie würden sich derselben durch Flucht entziehen. Hier wäre der Augenblick gekommen, wo der Philosoph nur deshalb eine Weile schweigt, weil er von angeblich ermächtigter Seite zum Schweigen gebracht wird. Wie sollte die Diskussion da fortgehen können, wo die eine 276

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.