Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 275 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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kennt ihn von alters her. Er kann auch heute ebensowenig wie früher mit dem absoluten Siege einer Partei enden, auch rieht, wenn eine Kirche oder eine Theologie der einen oder anderen Seite aus bestimmten politischen Gründen den Vorzug gibt. Es bleibt die Aufgabe der Kritik, dies deutlich auszusprechen und vor allem dieses anscheinend erbauliche System des neuen Denkens in seiner gefährlichsten Form der offenen Problematik und Dialektik, vor allem in seiner Grundentscheidung zu verstehen und diese als Dogmatismus zu enthüllen. Wo die Lösung des Existenzproblems durch die paradoxe Grundentscheidung schon vorweggenommen wurde, kann nicht mehr ernsthaft von einer wirklichen Problemlage des Menschen gesprochen werden, sondern nur von einer erkünstelten und erdachten Problematik. Die Antwort aber ist dem gläubigen Denker zu Beginn schon gewiß. 3. Abschluß Brauche ich Ihnen jetzt noch die Plattform des kritischen Denkens und seine Methode darzustellen, um Sie mit dem Standort und dem \\ ege des neuen Denkens zu vergleichen? Sie ist durch die praktische Anwendung der Kritik auf die Grundentscheidung des existentiellen Denkens schon deutlich geworden. Jedenfalls schließt die Plattform die Position des existentiellen Denkens als eine Möglichkeit der Wesensentfaltung schon ein. Die Kritik behandelt alle Entfaltungsmöglichkeiten des menschlichen Wesens gleichmäßig, d. h. mit dem gleichen Maß, das es aus ih r Selbstbesinnung und ihrer langen Geschichte gewinnt. Die Grundlage der Kritik ist ein System der Systeme. \ on hier aus nimmt es zu dem Wettstreit der Svsteme Stellung. Alles neue Denken erscheint als eine o Reaktion gegen das intellektuelle System. Die dogmatisch*- Grundentscheidung vermag es vor der Kritik nicht zu schützen. Im Gegenteil, sie zeigt uns als unberechtigte absolute Betonung und Harmonisierung des Selbst die Selbsttäuschung und das Selbstmißverständnis der existentiellen Erkenntnis auf. Das kritische Denken spricht Sie als religiösen Schriftsteller auf intellektueller Grundlage an. Ja auf Grund jener letzten Harmonie des Paradox in der Einheit des Absoluten erscheint Ihre Arbeit als durchaus ästhetisch auf Einbildung beruhend. Das kritische Denken muß es als Selbsttäuschung bezeichnen, wenn Sie mit dem neuen Denken schon glauben, in der Existenz zu stehen. Jene vorgehabte Existenz des 275