Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 272 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Mensch fest und gut vorbereitet auf dem Boden seiner Grundentscheidung, denn er hat in dieser problematischen Gestalt seine Eigentlichkeit angeblich schon in einem freilich systematisch fundierten Glauben gewonnen. Der Kritik zeigt sich die Grundentscheidung als eine dogmatische, absolute Betonung eines menschlichen Erkenntnisprinzips, aber welches? Auch hier wirkt sich das Paradox aus. Widersprechende Prinzipien, die natürliche Lrsache und das absolute Ziel, sind absolut betont, aber beide sind schon in der Identität harmonisch verbunden. Dadurch, daß auch die absolute Akzentuierung der Prinzipien so vorsichtig, anscheinend so zurückhaltend in der Fraglichkeit geschieht, erscheint diese Problematik allein zuständig, ehrfürchtig v om Absoluten zu reden. Darf es uns da wundernehmen, daß die Theologie heute diese Grundlage als eine ihr passend erscheinende wieder annimmt und als Form für eine christliche erbauliche Rede gern wieder benutzt? Was sagen Sie als Philosoph dazu? Haben Sie sich mit Kierkegaard und seinen Nachfolgern einmal kritisch auseinandergesetzt oder gehören Sie auch zu denen, die kritiklos glauben, daß sich von diesem eisigen Gipfelpunkt des Individualismus und Historismus irgendeine keimfähige Frucht heimbringen läßt? Sehen Sie nicht, daß die Wirklichkeit bei Kierkegaard in ein Selbstverständnis als Selbstschau sich auflöst? Er glaubt irrtümlich in der Gestalt gedeuteten historischen Seins selbst wirklich leben zu können. Kierkegaard bedeutet einen GrenzfalL der nicht überboten werden kann. Über jemand hinweg zu klettern, der auf der letzten Spitze eines Berges steht, ist Wahnsinn. Der Absturz beider ist dann unvermeidlich. Die Dialektiker aber bauen, uas technisch möglich ist, ihre Systeme über den Gipfel hinaus, um die Aussicht über das historische Land zu erweitern, aber Sie werden kaum behaupten, daß die Verantwortung in Gegenwart und Gemeinschaft an solchen Aussichtspunkten der Geisteswissenschaft gefördert wird. Sie ist hier in unheimlicher Einsamkeit völlig vergessen. Was soll hier nun noch der Hinweis auf ein Eingreifen Gottes, das, wie nachgewiesen wurde, längst vorweggenommen ist? Bei dem Verstehen der Geistesgeschichte erscheint das natürlich, dort in der Historie sind die Entscheidungen bei Propheten und Aposteln schon gefallen. Was soll uns das Versprechen in Gegenwart? Was bedeutet dieser Glaube eines religiösen Schriftstellers? Sein Glaube gründet sich in einer Voraussicht und die Voraussicht in einem Glauben. Der dogmatische Grund bleibt gedanklich und der letzte 272