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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 265

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 265 (sequence 16)
Language
German
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dient, muß die kritische Philosophie in der Unterredung aushalten. Sie erhält ja jetzt die schwierige und ernste Aufgabe, diese anscheinend unangreifbare Position der gläubigen Erkenntnis als Selbsttäuschung und Selbstmißverständnis des existentiellen Denkens zu enthüllen. Wo das Absolute in Wirklichkeit das Entscheidende ist, da ist die Erkenntnis schon zum Schweigen gebracht. Solcher Glaube hat die Menschen in Wirklichkeit geschieden. Die dogmatischen Voraussetzungen und Vorhaben aber verfeinden die Menschen und machen die Verantwortung in Gemeinschaft und Gegenwart unmöglich, weil jeder mit seiner dogmatischen Grundentscheidung, einem betonten Prinzip oder dialektischen System (welches es auch sei) bescheiden oder unbescheiden absolut herrsehen will. Unsere gemeinsamen idealistischen Gegner sind überraschend schnell still geworden. Entweder sie beschränken sich weise auf die Grundlegung der Wissenschaften und enthalten sich jeder Spekulation, oder sie bauen ihre Positionen vorsichtig um. Sie haben wenigstens bisher auf die Angriffe des kritischen Denkens öffentlich sachlich nichts erwidert. Die Front der neuen Denker aber, eben noch scheinbar eng mit uns verbündet, hat sich zur Verteidigungsaktion zusammengeschlossen. Ihre Hauptstellung ist zu erkunden. Es bricht also eine neue Kampfphase an, in der wir beide uns, so nahe wir uns der allgemeinen Tendenz nach zunächst standen, sachlich prinzipiell als Gegner gegenüber stehen werden, darauf müssen wir gefaßt sein. Ich vertraue auf Ihre systematische Gewissenhaftigkeit und die Wahrheitsliebe unserer Zuhörer. 1. Die Grundentscheidung des existentiellen Denkens Ich frage also: Welches ist die Grundentscheidung des neuen existentiellen Denkens? Wenn ich mich zunächst an Ihr Buch ,.l)a> neue Denken44 und Ihre Ausführungen in dem letzten Briefe halte, so betonen Sie da immer wieder, daß sie von dem Boden der Wirklichkeit als dem \\ erden und Vergehen der Erscheinungen ausgehen, daß Sie die besondere Situation und die konkrete Haltung des Erkennenden selbst ins Auge D n fassen, um eine Wirklichkeitserkenntnis als eine andere Theorie über das Denken zu erhalten. Sie rücken ausdrücklich von dem abstrakten prinzipiellen Standpunkt des Logikers auf den Standort des einzelnen Menschen, der für sein Wollen im Dasein sich fragt, was er tun kann. Das Relative erhält dadurch einen neuen Wert. Die Beschreibung der Po- 265

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