Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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und im Ausgangspunkt unseres Denkens, sondern grundsätzlich stehen wir gegeneinander, denn das kritische Denken greift das neue existentielle Denken in seiner Grundentscheidung und deshalb auch in allen seinen Ergebnissen an. Es ist also durchaus erklärlich, daß wir in den Hauptthesen, vor allem in unserer Beziehung zur Theologie voneinander abweichen müssen. Wenn wir uns zu einer philosophischen Unterredung an einen Tisch setzen, so bleibt zur Vorbereitung jeder Auseinandersetzung auszumachen und zu verstehen, von wo aus ein jeder von uns seine Arbeit tut. Sie werden es mir daher erlauben, daß ich sachlich zu erkunden suche, ob ich es mit einem wissenschaftlich-philosophischen Schriftsteller zu tun habe oder mit einem religiösen, vielleicht sogar mit einem ästhetischen. Sie w erden sich gewiß schon gegen diese Erkundung w ehren, aber ich muß doch wissen, ob Ihre Erkenntnis in einem Glauben oder Ihr Glaube in einer Erkenntnis begründet ist, und welcher Art überhaupt Ihre Begründung ist. Ich suche also auf Ihr neues Denken und seinen Kern einzugehen und Sie im letzten Grunde zu verstehen. Ich gebe Ihnen damit zugleich meinen Ausgangspunkt in der Herausarbeitung Ihrer Grundentscheidung und der Kritik praktisch bekannt, so daß ich von dem Standort des kritischen Denkens hier nicht wieder ausführlich theoretisch zu handeln brauche (ich verweise diesbezüglich auf das 2. Kapitel der „Gegenwart". Halle 1928). Sollte sich nun für die Erkundung eine dogmatische Grundentscheidung ergeben, d. h. irgendeine vorweggenommene Bezogenheit zu einen Absoluten (Gott), in welcher Sie Ihre Existenz als Wirklichkeit begründen, so würde unser Gegensatz möglicherweise nicht nur ein philosophischer sein. Der aufgeklärte Mensch heute glaubt zwar, daß die Zeiten endgültig vorüber seien, wo man letzte Glaubensunterschiede so ernst zu nehmen braucht, aber tatsächlich trennen die dogmatischen Grundentscheidungen die Menschen heute ebenso radikal wie die Völker. Es könnte aber jemand fragen, ob angesichts letzter Glaubensgegensätze die Philosophie als kritische Wissenschaft nicht klüger täte, sich schweigend zurückzuziehen, anstatt gegen solch eine dogmatische Position zu streiten. Darauf ist mit aller Deutlichkeit zu antworten: Solange die dogmatische Grundhaltung des neuen Denkens philosophischer Stützen und Formen sich bedient, der Glaube also als eine gedachte Beziehung zum Realgrunde der Erkenntnisbegründung 264