Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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sondere Wesen, das er im Gedicht hatte, aufgeben. Aber, wenn der Hörer ein wahrer Hörer gewesen ist, so bleibt dem Gedanken auch dann noch etwas von der Bewährung, die ihm im Gedicht eigen war, anhaften; der Bewährung: daß er nicht nur als isolierter Gedanke, sondern eingeschmolzen in ein Ganzes aus Vernunft und Seele und Bild und Stimme dazusein vermag, daß er nicht nur denkbar ist, sondern lebbar als Element einer solchen unlöslichen Einheit, wie sie die dichterische sowohl als die menschliche Totalität darstellen. Davon trägt er die Spur an sich und so trägt er die Tendenz zu solcher Totalität auch in die Vernunft des Hörers, wirkt in ihr gegen eine abstrakte Isolierung, steigert in ihr die Kraft der Ein Schmelzung in das nicht unvernünftige, aber übervernünftige menschliche Ganze. So mag endlich auch das Gedicht, über alle Gemeinschaftsstrebungen, die in ihm ausdrücklich gestaltet sind, hinaus, als die vollkommene Gemeinschaft lebendiger Elemente, die es ist, dem Menschen Vorbild werden können zu eigener Einordnung in Gemeinschaft. In solchem Sinne schreibt Hölderlin seinem Bruder: Die Poesie vereinigt die Menschen, „wenn sie echt ist und echt wirkt, mit all dem mannigfachen Leid und Glück und Streben und Hoffen und Fürchten, mit all ihren Meinungen und Fehlern, all ihren Tugenden und Ideen, mit allem Großen und Kleinen, das unter ihnen ist. immer mehr, zu einem lebendigen, tausendfach gegliederten, innigen Ganzen, denn eben dies soll die Poesie selber sein, und wie die l rsache. so die Wirkung44. Wenn sie echt ist und echt wirkt: wenn der Dichter im Sehaffen wahrhaft gehorcht, wenn der Hörer im Horchen wahrhaft geschaffen hat. 262