Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ihn gestaltet, in die Einigkeit aller Elemente des tragischen Gedichts miteinander auf, denn sie sind einig in dem Einen, daß sie die Ordnung des Gedichts tragen und erfüllen; als seine Glieder harmonieren sie, eben im Kampf. Es bleibt, wenn das Gedicht geendet hat: an unserer wirklichen Liebe die Erinnerung, daß sie reinen und vollkommenen Lebens im Gedicht gewesen ist; an der Trübung unserer Liebe die Erinnerung, daß sie zum Aufgehen in solchem Leben fähig war. Es bleibt an allen Elementen die wir ins Gedicht gaben, wenn sie aus ihm zurückkehren, die Spur des gelebten höheren Lebens; sie sind in solchem Leben, je mehr sie an Gedichte hingegeben waren, desto tiefer geübt. Es bleibt am Sinn die Tendenz, sich zu steigern und zu vollenden wie im Gedicht, am Sinnlosen die Tendenz, in Sinn aufzusteigen wie dort. An allem Einzelnen die Tendenz, einem Ganzen sich rein einzuordnen. Je geheimer, aller bewußt zu stiftenden Ordnung entzogener die Wesenselemente sind, die das Gedicht gestaltet, desto schwankeren, gefährdeteren Raum erobert die Verwirklichung des Gedichts in uns für Ordnung und Gestalt. Ja, die Gestaltung des Kranken und Wirren in uns durch das Gedicht kann, wenn das Gedicht nur recht aufgenommen, also nicht zum Selbstgenuß des Kranken und Wirren gebraucht, sondern am Kranken und Wirren verwirklicht wird, heilende und klärende Kraft an uns üben. Wer sich also begnügt, etwas am Gedicht zu genießen, etwas aus dem Gedicht herauszulesen, etwas von ihm dem eigenen Reichtum hinzuzufügen, wer immer nicht das ganze Gedicht rein in sich aufbaut, unabgelenkt Wort für Wort aus sich herstellend, der hat sich die spezitische Bildungschance verscherzt, die dem Menschen im Gedicht gegeben ist. Sie besteht ja eben in der Möglichkeit, daß die Ordnung des Gedichts als eines Ganzen die Ordnung der Seele werde. Sie kann es werden, nicht nur in den Seelenelementen, die sie unmittelbar gestaltet. Der in solcher Ordnung geübte und eingewöhnte Mensch wird die Tendenz zu ihr in seinem Wesen allgemein bestärkt finden. Mit dem verwirklichten Gedicht trägt er ein wirkliches und wirkendes Vorbild in sich. Der Gedanke etwa, der in ein Gedicht eingestaltet ist, bleibt gewiß auch als Bereicherung seiner denkenden Vernunft im Hörer zurück, er wird sich in ihm, als Klärung einer früher unklaren Einsicht, gewiß auch in eine rationale Formulierung umsetzen können und damit das be- 261