Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Verwirklichung des Gedichts, die das wahre Hören bedeutet, erscheint uns also zugleich als ein Bildungsprozeß am Hörer. Was geschieht nun. wenn das Gedicht endet, und die Elemente, die in seine Realisierung eingegangen waren, wieder aus sich entläßt? Wenn die Stimme, die im Ohr war, ins Schweigen und die Seelenstoffe, die im Gedicht waren, ins Dunkel des Unbewußten zurücksinken? So wenig wie Stimme und Gehör vom Sprechen und Wahrnehmen des Gedichtschalls unverändert bleiben können, so wenig können die Kräfte und Stoffe der Seele von ihrem seligen Leben im Gedicht unverwandelt bleiben. Was uns geschiebt, was wir tun, muß an uns ändern. Im Gedicht steht das Wort „Liebe66. Wir können es nicht anders erfüllen, als durch die Liebe, mit der wir wirklich, auch in der Wirklichkeit außerhalb des Gedichts, lieben. Diese unsere wirkliche Liebe kehrt ins Gedicht ein und von ihm empfangen wandelt sie sich, wie das Gedicht es will, wenn überhaupt das Gedicht in uns zustande kommen soll. Ist es nicht unsere echte Liebe, die wir hineintun, so wird das Gedicht ohne wahren Stoff, unwirklich bleiben. Formt sie sich nicht nach dem Zusammenhang, in den das Gedicht sie stellt, vermag sie nicht eben die Reinheit, Kraft und Eingeordnetheit ins Ganze zu erlangen, die das Gedieht ihr zuweist, so ist die Wirklichkeit, die entsteht, nicht die des Gedichts, und das unverwirklichte Urbild bleibt hier wie dort als Forderung und Mahnung, als ein aufwärts Ziehendes über der Seele des Hörers stehen. Gelingt aber die Realisierung des Gedichts, so ist unsere Liebe in die Ordnung seiner Vollkommenheit eingegangen. Auch wo das Gedicht das Unvollkommene zum Gehalt hat, verhält es sieh nicht wesentlich anders. Die Trübung der Liebe, die, vom Gedicht genannt und gerufen, ins Gedicht eingeht, auch sie ist nun im reinen Ausdruck und Zusammenhang höchst wirklich und doch zugleich überwunden, weil auch an ihr nun, da sie in vollkommene Gestalt eingegangen ist, Vollkommenheit geschah und damit ein rational nicht faßbarer Sinn an ihr erschienen ist. Das Sinnlose selber, als sinnlos im Gedicht ausgesprochen, erweist sich ja eben damit fähig, in den Zusammenhang höchsten Sinnes aufgenommen zu werden, wenn denn das Gedicht ein ^ollkommenes Gedicht ist. Eingehend in die Ordnung löst es, als Ordnungsloses, sich auf. So löst sich auch ein, stofflich gesehen, unüberwindlicher Konflikt zwischen gleich sinnvollen Mächten, wenn die Tragödie 260