Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber ein solches rigoroses Verdrängen alles antwortenden Empfindens würde vielleicht mehr vom Aufbau ablenken, als dies Empfinden selber, das mit natürlicher Notwendigkeit sich einstellen wird. Reißt es die Seele nicht in sich hinein, bleibt es eine leise Antwort auf den fortschreitenden Aufbau, so kann es als lebendige Atmosphäre um die sich bildende und schließende Gestalt sein Lebensrecht unverkümmert haben; verliert sieh der Hörer daran, so verliert er das werdende Gedieht. Hier wie überall ist es verhängnisvoll, wenn die Folge zum Ziel wird. ~ t? Wer den Aufbau des Gedichts vollziehen will und rein vollzieht, dem fällt der reine Genuß in Fülle am Ende zu. Wer genießen will und ungeduldig c rr> oder schwach dem Genuß verfällt, dessen Genuß auch wird triibe und wirr sein wie die unvollkommen erbaute Gestalt. Er genießt, aber genießt nicht das Gedicht, denn dies hat ja keine Verwirklichung gefunden, du* er wahrnehmen könnte. Gleichwie: wer in den Wald geht, weil er den \\ ald ~ liebt und zu ihm gezogen wird, der wird auch den Reiz des \\ aldes genießen. Wer ihn sucht, weil er seinen Genuß will, der wird ihr: nicht erst rein wahrnehmen, sondern in die Wolke genießerischer Natursentimentalität gehüllt wird er ihm verschwimmen. Oder: wer einen Menschen sucht, weil er ihn liebt, wird ihn genießen; wer ihn sucht, weil er ihn genießen will, wird ihn versäumen und nichts genießen als den eigenen Genuß. Der Genuß wie das Erlebnis sind keine mögliehen Ziele, sondern Folgen erreichter gegenständlicher Ziele, wenn sie nicht selber gegenstandslos und nichtig werden sollen. Weil nun aber der subjektive Prozeß später ist und die Seele >ich freier in ihm ergeht als im objektiven, bleibt er der Erinnerung als spontaner Prozeß deutlicher denn dieser eingeprägt. Der Hörer baut und weiß nicht, daß er baut, er glaubt ja nur zu empfangen, und die Elemente seines eigenen Wesens gehen, ohne von ihrer Eigenheit zu wiesen, im Reigen des Gedichts. So kann denn die Meinung in ihm zurückbleiben, nur empfangen und genossen zu haben. Solange die Beziehung zum \\ erk in Ordnung ist, wäre eine Berichtigung dieses nachträgliehen Irrtunis nicht dringend. Sobald die Beziehung zum Werk durch Meinungen mitbestimmt ist, wie das in unserer Zeit in hohem Maße der Fall ist, kann die falsche Meinung verhängnisvoll für den Aufbau des Werkes selber werden. Die Einstellung auf den kommenden Genuß kann an die Stelle der Bereitschaft treten, die für den Aufbau erfordert wird. Darum ist es.