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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 256

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 256 (sequence 7)
Language
German
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Der zweite, der wesentlich subjektive Prozeß setzt zumindest etwas später als der erste ein, sobald nämlich die ersten Gestaltqualitäten des Gedichts deutlich werden: er antwortet ihnen mit Lust oder Unlust, Zustimmung oder Ablehnung, Genuß oder Gleichgültigkeit. Der Hörer, sofern er die Wortschälle mit den zugehörigen Bedeutungen, also auch mit Gefühlen, wo das dichterische Wort sie nennt, erfüllt und belebt, ist im objektiven Prozeß begriffen; auch sein Gefühl noch ist hier nur sachliches Element der Gedichtgestalt. Der Hörer, sofern er empfindend, kritisch, genießend, auch zu naheliegenden, aber nicht im Werk gemeinten Gefühlen und Gedanken fort schweifend („angeregt") auf diesen objektiven Prozeß reagiert, ist im subjektiven Prozeß begriffen. Es wird, wenn man sich beide Prozesse in ihrer Verschiedenheit und Verflochtenheit und in ihrem Anspruch an die gleiche Person vorstellt, leicht deutlich, daß der objektive Prozeß durch ein übermächtiges Wirksamwerden des subjektiven gestört werden muß. Wer sich während des inneren Gedicht aufbaus dem Genuß der Gedichtreize hingibt, wird schwerlich im rhythmisch bestimmten Zeitraum die weiteren Phasen des Aufbaus rein \ollziehen können; am Genüsse beschäftigt, wird er in Gefahr sein, über Worte wegzugleiten, ohne sie zu erfüllen, seine Geistes- und Seelengegenwart ist beeinträchtigt, die erforderte Bereitschaft gestört. Eine häufige Erscheinung dieser Problematik ist das Hängenbleiben des Hörers an einem Wort, einem Bild, einem Vers, so daß er, ihm nachsinnend und nachspürend, von ihm zu eigenen Gefühlen außerhalb des Werkes aufgeregt, aus dem Hören gleitet und erst nach einer Weile wieder hinhorchend vergeblich versucht, den zerrissenen Zusammenhang neu anzuknüpfen. Eine andere ist das Verfallen in eine allgemeine, unbestimmte Aufregung des Gefühls, unklar durchblitzt von Einzelreizen, die vom Gedicht ausleuchten, eine Sphäre des Schwärmens und Genießens, nicht der Gestaltung. Man beobachte eine Menschengruppe, die eine Dichtung hört, und man wird oft genug an Haltung und Gesichtsausdruck und Blick die Bauenden von den Sinnenden oder Schwärmenden unterscheiden können. Nach diesen Überlegungen möchte es für den Aufbau des Gedichts am besten scheinen, wenn der subjektive Prozeß erst nach Vollzug des objektiven überhaupt beginnen, erst dem ausklingenden Gedicht erwidern würde und zuvor alle Seelenkraft auf den reinen Aufbau gesammelt wäre. 256

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