Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht nur um theoretischer Klärung willen, wichtig, sich auf den wirklichen Vorgang zu besinnen. Wenn der Dichter im Schaffen einen Hörer denkt, so möchte es scheinen, als vergegenwärtige er sich die subjektive Wirkung des Wortes auf diesen Hörer, als lasse er sich bei der Wahl des Wortes davon bestimmen, welches Wort am meisten Erregung oder Genuß hervorzurufen imstande sei. Er aber denkt an den Hörer als Träger des objektiven, nicht des subjektiven Prozesses. Nicht was der Hörer zum Gedicht oder zu Stellen des Gedichts meinen oder empfinden wird, sucht er sich dann zu vergegenwärtigen, nicht ihn als Kritiker fragt er um Rat, nicht ihn als Genießenden um Bestätigung. Er stellt sich an ihm den Aufbau des Gedichts, sein Wirklichwerden vor, und er prüft, ob es sich rein vollziehen könne. Er stellt es sich am Stoff der fremden Seele vor, um es so genauer wahrzunehmen, unverwirrt durch übergroße Nähe, so wie der Maler von seinem Bilde im Malen zurücktritt, um es als werdendes Ganzes zu übersehen und es mit dem Bilde, das ihm erschienen ist, zu vergleichen. Zugleich macht er sich von dem Einfluß nur persönlicher und momentaner psychologischer Bedingungen frei, um unter allgemeineren und dauernderen das erk, ablösbar von seinem Ich, tradierbar, sich vollziehen zu lassen. Die Seele als Ort und Stoff des Gedichts geht den Dichter im Schaffen an. nicht die Antwort der Seele auf das Gedicht; sie wird er später erfahren, und wer in der Wahrheit reden will, nimmt die Antwort nicht in Gedanken vorweg. Der Dichter bildet an der Seele. Damit fällt auch ein Licht auf das Verhältnis von Ästhetik und Psychologie der Dichtung. Die Gesetze des psychischen Verlaufs sind gewiß wichtig für die Dichtung, die sich ja in einem solchen Verlauf realisieren holl. aber sie sind nicht einfach die Gesetze der Dichtung, sondern die Gesetze ihres Stoffs und der Art seiner Bewegungen. So wie die Härte oder Weichheit des Steins und seine Art, das Licht aufzunehmen und zurückzuwerfen, wichtig sind für den Bildhauer, aber nicht die Gesetze seines Bildwerks sind. Wie das Verhalten eines Metalls bei Änderungen der Temperatur wichtig ist für den Maschinenbauer, aber nicht das Wesen der Maschine ist. Psychologische Gesetze sind Materialgesetze der Dichtung. Welche Assoziationen etwa ein Wort in bestimmtem Zusammenhang mit psychologischer Notwendigkeit erweckt, welchen Rhythmus eine Wortfolge nach einer rhythmisch bestimmt geformten anderen mit 258