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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 255 (sequence 6)
Language
German
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mächtiger als die abstrakte Darstellung, die eine begriffliche Betrachtung wie die unsere einzig von ihm geben kann, ist ihnen eingetan wie Gottes Bild und Gleichnis dem Menschen. Vermessen wäre es auch, den getrübten Abbildern des Urbildes in der Menschenwirklichkeit Sinn und Recht abzusprechen; sie haben ihren Sinn in der Unvollkommenheit über unser Wissen hinaus wie alles Geschöpf liehe, ihr für uns faßbarer Sinn ist die Richtung auf die Realisierung des Urbildes. Wenn wir aber von ewiger Dichtung und von ihrem Erdichten und Hören reden, meinen wir das, was ich darzustellen suchte. Dichter und Hörer — das ist nicht: Schaffender und Empfangender, sondern: Entdecker und Bewahrer; beide empfangen im Schaffen, beide schaffen im Empfangen. 3 Der Blick auf den Sinn des Hörens wird abgelenkt, wenn man vom Kunstgenuß als der wesentlichen Funktion des Hörens redet, nicht minder, wenn man in solcher Meinung von \ eredlung des Hörers durch Kunst redet. Beide, Genuß und Veredlung, Freude und Bildung dürfen und sollen sein. Wer sie wegleugnet, denkt am wirklichen \ organg vorbei. Aber man versteht, daß sie weggeleugnet werden, als Protest gegen ihre unrechtmäßige Hervorhebung. Im Bewußtsein des Hörers vollziehen sich während des Hörens zwei innig zusammenhängende, aber vom Erkennenden genau zu scheidende Prozesse, ein objektiver und ein subjektiver. Der objektiv e ist der sieh im Bewußtsein vollziehende Aufbau des Gedichts aus Worten; er setzt mit dem Vernehmen des ersten Wortschalls ein. Er ist, obwohl er sich im Bewußtsein abspielt, ein objektiver Prozeß, denn nicht das Vernommenwerden, Erscheinungwerden der Worte ist für ihn entscheidend, vielmehr sind ihm die vernommenen Worte, grob gesprochen, Bausteine und das Bewußtsein der Bauplatz, eine Gestalt zu bauen. Nicht die Beziehung des Prozesses aufs Bewußtsein ist sein Wesen; sonde rn weil das Bewußtsein des Menschen der einzige Ort ist, an dem in der \\ irklichkeit die Elemente des Dichtwerks ihr wesentliches Verhältnis zueinander utid zu der Gestalt des dichterischen Ganzen finden können, deshalb kann im Bewußtsein und nur in ihm und an seinen Gehalten der objektive Gestaltungsprozeß sich vollziehen, den das wahre Hören des Gedichts darstellt. 255

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