Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Gedicht in unserer Welt zu realisieren ist jeweils Amt des Hörers, wie es einmal Amt des Dichters w ar. Insofern ist der Dichter nur der erste Hörer, und hat er in Zeichen das Gehörte festgehalten, so mag Hörer nach Hörer ihm im Amt der Verwirklichung des Gedichtes folgen. Berufung und Mühe. Gefahr und Freude des Entdeckers sind des Dichters, c? ' aber die Möglichkeit der realen Tradition von Gedichten beruht auf der grundsätzlichen Gleichheit seines Amts am Gedicht mit dem des Hörers. Der Dichter mußte im eigenen Leben dahin gelangen, wo an einer von dessen Gestaltungen ihm das Gedicht erschien, wie dem Schnitzmeister der Glockenspielständer am Baum des Hochwaldes. Ohne so langes und einsames Schweifen wird dem Hörer nach ihm der Blick auf die Gedichtgestalt eröffnet; die Zeichen in Schrift oder Gedächtnis tun es. Aber damit nun das Gedicht in ihm sich verwirkliche, muß er die Zeichen in Leben wandeln können, in Leben aus seinem eignen Lebensbesitz. Ein Zustand der Bereitschaft wird von ihm erfordert, welcher der Bereitschaft des Dichters der „Eingebung" gegenüber sehr ähnlich ist. Es ist ein Zustand der Lebensfülle, die aber schweigt wie die vollkommene Leere. Völliges Stillhalten und Offensein der Seele und der Sinne, die allen Eigenwillen abgestreift haben, zugleich aber völlige Seelen- und Sinnengegenwart. Nur dann kann Wortschall um Wortschall in aller Reinheit und Fülle sinnlich erfahren werden, und es kann sogleich in jeden Wortschall der ganze Seelengehalt, den das Wort meint, einströmen. Ist dieser Gehalt nicht in der Seele, oder ist die Seele nicht entspannt und bereit genug, ihn auf den ersten Ruf wach ins Wort aufsteigen zu lassen, so kann der Aufbau des Gedichts nicht gelingen. Gelingt er, so hat der Hörer sein dichterisches Amt erfüllt: er hat aus den Stoffen der eigenen Seele die Gestalt des Gedichtes wirklich erbaut, wie sie einst der Dichter aus den Stoffen seiner Seele erbaut hatte, nach Anleitung der Zeichen, die der Dichter ihm überlieferte. Er hat sie erbaut, indem er sich von ihr erbauen ließ: „ich mache sie nicht, sondern sie macht mich". Ich habe den reinsten und glücklichsten Verlauf des Dichtens und Hörens darstellen wollen. Das Bild eines gleichen Verlaufes leuchtet über jedem echten und ernsthaften wirklichen Verlauf dieser Prozesse. Vermessen wäre es, zu glauben, daß diesem Bilde die Mehrzahl der wirklichen Verläufe nur annähernd entspräche; das Bild, unendlich reiner, voller und 254