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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 253 (sequence 4)
Language
German
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wärtigen wir uns den Vorgang, der beim Aufnehmen des Gedichts im Hörer geschieht! Im Hörer, nicht im Leser, denn nur im konkreten Schall hat das Wort seine volle sinnliche Existenz. Denken wir uns zunächst den Menschen, der das Gedicht hörend als Neues erfährt, der es etwa laut liest oder von einem andern sich vorlesen läßt. Wortschall um \\ ortschall ruft in ihm etwas wach, seien es Ding- und Eigenschaftsvorstellungen, Handlungs- und Bewegungsvorstellungen, Gefühle, Begriffe, Strebungen oder bestimmte Beziehungen dieser Gehalte zueinander. Erst <D C7 aus dem Zusammenkommen dieser wachgerufenen Bewußtseinsinhalte mit der konkreten Schallform entsteht das Wort. Und, wer auch Dichtung aufnimmt, hat das erfahren: nicht wie oft bei der Verwendung des Worts zur Mitteilung dient die Schallform bloß als Zeichen, das vergessen wird, wenn es die gemeinte Bedeutung im Hörer ausgelöst hat; vielmehr wächst die Wortbedeutung in den Wortschall sofort mit inniger Kraft ein, lebt in ihm als in ihrem Leibe, und nun erst, als diese untrennbare Einheit aus Schall und Bedeutung, ist das dichterische \\ ort da, oder besser: das Wort der Dichtung, denn kein einzelnes \\ ort ist ja als solches schon dichterisch, es wird es erst kraft seiner Beziehung zu anderen und zu dem Ganzen aus Worten, in dem es steht. Während also im Lautwerden der Worte, am Stotl der Stimme, die Schallform des Gedichts konkrete Wirklichkeit gewinnt, gewinnt im r? p Wachwerden der Wortbedeutungen, am Stoff der Seele, die innere Form konkrete Wirklichkeit. Das Gedicht als Realität existiert ja nicht in den toten Zeichen des Buchs. Es existiert einzig wirklich jeweils im Bewußtsein des Hörers, in dem Wortschall und Wortbedeutung als einiges Wort leben und aus solchen einigen Worten das Gedicht sich erbaut. Die Existenz, die das Gedicht hat, solange niemand es eben so in sich verwirklicht, ist die gleiche, die es auch hatte, ehe der Dichter es fand. Es ist eine Existenz jenseits und über unserer Menschenwelt, der Philosoph wird sagen, eine Existenz in der Idee, der Theologe konnte sagen, eine Existenz in der Gottheit; wer mit dem Gedicht lebt, der Dichter wie der Hörer, wird immer wahrnehmen, wie er es aus der Ewigkeit in seine Zeitlichkeit empfängt. Das Zeichensvstem im Buch (oder auch im Gedächtnis des Hörers, der das Gedicht wiederholt), das besteht, seit der Dichter das Gedicht „hervorbrachte", gibt nur die Anleitung, wie es;' ' D C immer wieder hervorzubringen sei, ist nicht selbst die Hervorbringung.

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