Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 110)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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noch an den Feuerdrachen, der einst um die Erde raste. Als die Erde aber Mieder zur Ruhe kam, in vielleicht sehr langer mondloser Zeit, und als sie wieder von keimendem Grün umkleidet und mit Blüten tausendfach geschmückt war, kam schon von fernher ein neuer Bräutigam — unser jetziger Mond! Aber der wird es ebenso machen. Ihr Mädchen schaut ihn nur an, wo er so unendlich sanft und mild und gütig und wahrhaftig nicht unintelligent und so schrecklich treu und lieb seine Braut umkreist! Ihr fallt ja immer auf solches Getue rein. Es ist eine Zeit solcher Lieblichkeit sowrohl zwischen den Himmelskörpern wie auch zwischen den Körpern der Menschen und der Tiere und der Pflanzen. Es muß eine solche Zeit der Lockung sein! Dann aber, dann aber! Ich ziehe aber die Behauptung, daß ihr immer darauf reinfallet, in dieser Schärfe zurück. In eurem Innersten ist immer eine Vorahnung. Mit eurer Liebe verbindet sich immer eine heimliche Bangigkeit. Es packt euch manchmal ganz gehörig, und ihr möchtet in manchen Augenblicken den ganzen Hochzeitstag absagen. Aber ihr wißt, daß Gott es einmal so eingerichtet hat, und ihr beugt euch, dem Schöpfer gehorsam, unter alle Seligkeit und unter alle Bangigkeit. Nur betet ihr dann sehr fromm: ..Laß den Mond am Himmel stehn! Gib, daß mein Karl immer so ein himmlischer Prachtmensch bleibe, daß er immer so gut und klug auf mich schaue; ich will ihm ja immer eine ganz liebe und stille Welt sein!44 Luise Hensel hat die heißen Werbungen ihres Freundes Clemens Brentano mit aller Entschiedenheit abgewiesen. Die Geschichtsforscher mühen sich vergeblich, den tiefsten Grund dieses Verhaltens aufzudecken. Sie begehen dabei den Irrtum, daß sie das Wesen des Mädchens abgelöst von Sonne. Mond. Gestirn und Erde betrachten. Luise Hensel stand aber zwischen Sonne. Mond, Gestirn und Erde wie das Immaculatabild an unserem Hause. Sie war ein Vollmensch, in großer Fülle der Gnaden; sie Mar nicht wie ein abgeschnittenes Birklein am Fronleichnamstag; sie blieb im gottgeschaffenen Boden der Erde verwurzelt, in diesem Sakrament des Vaters, auch als sie lebendig in die Kirche hineinwuchs. Die Erde pulsierte weiter in ihr, ließ ihre Seligkeit wie ihre Angst, ließ all ihr vergangenes und zukünftiges Schicksal durch ihre Adern strömen. Ihr Geist wußte nichts davon, aber ihre Seele spürte es. Und es mußte irgendwie zum Ausdruck kommen. Da brach es aus ihr hervor beim Abend- 246