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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 111

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 111)
Language
German
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gebet in der liebenswürdigen Gestalt der kindliehen Bitte: „Laß den Mond am Himmel stehn und die stille Welt besehn!44 Das wäre an sich bloß eine hübsche Beobachtung und ein nettes Spiel des Zufalls, daß die Verse einer stillen Dichterin wenige Jahrzehnte später eine überraschende Erklärung in den Hypothesen gelehrter Forscher finden. Aber es ergreift mich doch als etwas viel Tieferes: Im Gebet haben sich Worte voll prophetischen Wissens geformt! Es ist schon manchmal gesagt und geschrieben worden, daß der rechte Beter der wissendste Mensch sei. Hier haben wir einmal ein Beispiel aus der Wirklichkeit. Ich glaube aber, daß solches Gebet nur dann zustande kommt, wenn der Mensch nicht nur „sein Herz zu Gott erhebt^ und unter Verachtung der Natur nur nach Ubernatürlichem trachtet, sondern mit der Natur verwurzelt bleibend die ganze Natur einbezieht in seinen Verkehr mit Gott. Wenn er sich nicht geniert, mit Gott auch vom — Monde zu reden. L nd wenn er nicht mit erklügelter Ehrfurcht den aus dem Herzen hervorbrechenden Strom beschränkt auf patentierte Worte und Wendungen, wenn er alles aus seinen Tiefen heraus läßt und vor Gott hinbreitet, und seien es auch noch so große Torheiten vor den Augen und in den Ohren kluger Menschen. Das Gebet ist ein Zustand, in dem der Mensch sich nicht nur zu Gott hinwendet wie zu einem außerhalb der Welt stehenden Zielpunkt, sondern vielmehr ganz wundersam verwoben ist in das ganze \\ erk des dreifaltigen Gottes. Da ist der Mensch viel tiefer im Wesen der Dinge als der Gelehrte, der sich sein ganzes Leben lang versenkt in eine wissenschaftliche Frage. Er kommt nicht immer aus dem Gebet heraus mit Erkenntnissen, die er nun einem neugierigen Publikum mitteilen konnte. Gott macht aus seinen Betern keine Weltberühmtheiten. Aber er richtet ihre Füße zum Rechtgehen und bewegt ihre Hände zum Rechttun, und er wählt sich aus seinen Betern seine Propheten. Ich muß an Noe denken. Von ihm wird ausdrücklich bezeugt, daß er ein Vollmensch war, und es ist sicher kein Zufall, daß dies ausdrücklich erwähnt wurde. „Noah war ein bewährter und ganzer Mann in seiner Zeitschaft44, heißt es in der Bibelübersetzung meines Freundes Buher. Das klingt wie das Wort Gabriels: „Du bist voll der Gnaden!*- Kr reichte auch nicht bloß von der großen Zehe bis zum Scheitel, er reichte von der Tiefe der Erde bis zur Höhe der Sterne. Und wenn er betete, wußte 217

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