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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 108)
Language
German
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den und vertrauenden Bitten plötzlich darauf kam, daß der Mond am Ende während der Nacht vom Himmel fallen könnte und daß man Gott bitten müßte, ihn am Himmel stehen zu lassen. Und weil der alte Schluß trotz einiger poetischen Schönheit doch im Munde großer und vernünftiger Menschen schier lächerlich klang. Wahrscheinlich aber noch mehr, weil eben auch ich so für die Ubernatur erzogen war, daß ich die Einbeziehung natürlicher Dinge, dazu noch des Mondes, in das Gebet irgendwie für unpassend hielt. Aber wie kam die fromme Luise Hensel zu solch einem Schluß? Sie hat es vielleicht selber nicht gewußt, sie hat es sicher selber nicht gewußt. Die Verse stiegen in ihr auf; sie mußte sie niederschreiben; ein Etwas in ihr verbot ihr, sie abzuändern. Es ist ja schon längst bekannt, daß der Mond eine große Macht auf das Gemüt der Menschen hat, und es ist wohl denkbar, daß eine zarte Frauenseele von ihm gezwungen werden konnte, am Schlüsse ihres Abendgebetes an ihn zu denken und nach ihm zu schauen, und daß sie, als sie ihn so ruhig und heiter auf die stille Welt niederblicken sah, zu Gott beten mußte, daß es so bleibe, weil es so schön war. Aber in den letzten Jahrzehnten ist uns doch eine andere, viel überraschendere Erklärung nahe gekommen. Im Zusammenhang mit der an Erkenntnissen und Aufschlüssen überreichen, wenn auch nur vermutungsweise aufgestellten Welteislehre meinen einige ernste Forscher sagen zu dürfen, daß der Mond das Schicksal der Erde sei. Nicht immer hat ein Mond so friedlich auf die Erde geschaut. Unser Mond ist erst im Laufe der Zeit von der Erde eingefangen worden wie ein Bräutigam von der Braut. So muß er sich jetzt um sie drehen. So kommt er jetzt an den Abenden hinter dem Berge hervor und schaut nach der Erde. Gegenwärtig hält er sich noch in respektvoller Entfernung und bewegt nur ihr Meer, so daß es ebbt und flutet, und wahrscheinlich auch die kleinsten Wässerchen, die Säfte in den Pflanzen und in allen Lebew esen. Aber Monde sind Monde, wie Männer immer Männer sind: sie bleiben nicht in respektvoller Entfernung; sie werden mit der Zeit zudringlicher. Die Frauen vergessen das, auch wenn sie es schon mehrere Male erlebt haben, wie es auch die Erde vergessen hat. Denn sie hatte schon einmal einen anderen Mond. Da könnte sie es wissen. Sie ist damals sehr stark mitgenommen worden, und es ist den Forschern nicht schw er. Tausende von Spuren der schrecklichen Annäherung jenes Mon- 244

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