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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 107

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 107)
Language
German
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das Gebet, weil es mich immer wieder daran erinnerte, daß die Christenheit im Vertrauen auf das Blut Jesu Christi und auf die Gnade des Vaters einig sei — ausgenommen natürlich die Jesuiten, die aber letzten Endes auch nichts anderes haben, worauf sie vertrauen können, als das Blut Jesu Christi. „Alle, die mir sind verwandt, Gott, laß ruhn in deiner Hand*\ so geht das Gebet weiter. „Alle Menschen groß und klein, sollen dir befohlen sein. Kranke Herzen tröste du, müde Augen schließe zu . . ."* Und dann heißt es auf einmal, und ich muß gestehn, daß ich dies lange Zeit komisch fand: „Laß den Mond am Himmel stehn und die stille Welt besehn!** Was ist denn da der Dichterin eingefallen? Sollte solch naive Bitte den Eindruck besonderer Kindlichkeit erwecken? Oder sollten die Schlußverse eine besondere poetische Überraschung bringen, eine sogenannte Pointe? Das wäre dem Matthias Claudius in seinem Abendliede besser gelungen. Dieses Abendlied fängt mit dem Monde an: „Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar.** Und es kommt auch noch einmal auf den Mond zurück: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehn." Aber am Schluß kommt doch etwas, was wohl wert ist, der letzte Gedanke des einschlafenden Menschen zu sein: „So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. Verschon' uns Gott mit Strafen und laß uns ruhig schlafen — und unsern kranken Nachbarn auch!" Das Lied des Matthias Claudius ist aber nie zum eigentlichen Abendgebet in katholischen Familien geworden. Ganz sicher, weil zuviel von der Natur darin war. Denn als das Lied der Luise Hensel in das Abendgebet katholischer Familien eindrang, da mußten bald die letzten Verse, eben die vom Monde, weg und wurden mit Versen aus der Ubernatur ersetzt: „Nimm uns endlich allzumal auf in deinen Himmelssaal!"* Der Mond mußte weg von dem schönen Himmel des katholischen Abendgebets, und es nutzte gar nichts, daß die Dichterin so innig um das Gegenteil gebetet hatte: „Laß den Mond am Himmel stehn und die stille Welt besehn!" Ich war schier an den neuen Schluß gewöhnt und mit ihm ausgesöhnt, weil es mir gar zu rätselhaft war, wie Luise Hensel nach so vielen rühren- 243

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