Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
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verschleiert werden kann, ein tiefes Mißtrauen gegen das, was der Schöpfer gemacht hat. gegen den ganzen Inhalt des ersten Gnadenkruges. Die Theologen nennen zwar einen Teil der geschaffenen Wirklichkeiten Gottes auch noch ..Gnaden", aber von sehr minderer Art, eben nur „natürliche" Gnaden. Lächerlich diese Unterscheidung und sorgfältige Sortierung von Natur und Übernatur! Als ob nicht alles aus der Hand Gottes wäre! Die gelehrten Herren können die Schulspielereien vergangener Jahrhunderte nicht lassen. Ich neige mich tief anbetend vor jedem Sakrament, das die Kirche aus dem Heilandsblut Jesu bewahrt und ausspendet; ich bin voll tiefster Ehrfurcht, wenn über einem Menschen der Geist der Weisheit und des Verstehens, der Geist des Rates und der starken Hilfsbereitschaft, der Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit, der Geist der Gottesfurcht weht; aber mir ist auch die Erde ein Sakrament, und der Sternhimmel und das Sonnenlicht und der Mondenschein, und das Festland und das Meer, und die ganze Frühlingspracht der Pflanzenwelt, und der treue Dienst der Tiere, aber auch die Wildheit der Löwen und Tiger. Und — obwohl mir dies manchmal schwer ist — der Mitmensch, in dem mir Gott begegnet. Dies alles sind „sichtbare und wirksame Zeichen unsichtbarer Gnaden und Gottestaten, die uns zum ewigen Heile sind" — so ungefähr erklärt ja der Katechismus den Begriff des Sakraments. Wir müssen alle diese Schöpfungen „am Himmel stehen lassen", das heißt, wir dürfen sie nicht aussortieren aus den Dingen, die uns zum ewigen Heile, zur Fülle der Gnaden notwendig sind. Aber man sortiert sie sorgsam aus. Sie gehören höchstens als Schmuck in die Kirche und in das Gebet, nicht aber als das, was sie eigentlich sind. Auf ein ganz raffiniertes Stück solcher Sortierungstätigkeit bin ich erst jüngst gestoßen. Wir beten vor dem Schlafengehen immer das Abendgebet der frommen Dichterin Luise Hensel, „Müde bin ich, geh zur Ruh". Eigentlich besonders, weil es darin heißt: „Deine Gnad und Jesu Blut macht ja allen Schaden gut", ein Wort, das mich immer ganz wundersam tröstet und mir als der Inbegriff unserer ganzen lieben katholischen Religion erschien. Ein Jesuit wollte mir zwar einmal die Freude an diesen Versen verderben, indem er mir schrieb, es sei doch ganz offenbar, daß in ihnen noch ein Überrest der alten protestantischen Auffassung der früher protestantischen Schriftstellerin nachwirke. Aber desto lieber wurde mir 242