Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich kam damals von der Universität, wo ich die kalendarischen Berechnungen, vor allem die einzelnen Zeitrechnungen, die Osterfestberechnungen, den Sinn des Sonntagsbuchstaben, der Goldenen Zahl, der Epakten studiert hatte, um alte Urkunden lesen zu können, und fragte den Bauern, ob er sich aus diesen astronomischen Angaben etwas machen könne. Er war schlau und sagte mir bloß: „Ach, ich habe die schwarzen und weißen Ringel und Hörner vom Monde so gern, die könnte ich mir tagelang ansehen!" Das war aber bloß eine verlegene Ausrede oder eine Darüber hin wegrede. Der Mensch kann selten sagen, was mit ihm eigentlich ist. So sehr ist sein Innerstes durch die Schamhaftigkeit und Genierthcit geschützt. Was war so schön an dem Bauern in dem Augenblicke, als er durch das Zauberbuch seines Kalenders auf einmal zwischen Sonne, Mond und Sterne gestellt ward? Es leuchtete in ihm etwas auf, so daß ich am liebsten zu ihm gesagt hätte: „Du bist voll der Gnaden!" Wir sind gewöhnlich nur halbvoll der Gnaden, oder gar nur drittelvoll. Drei Gnadenkrüge hat uns der dreifaltige Gott geschenkt. Und mit denen ist es so wie mit den Flaschen eines Photographen, wenn er dabei ist, eine Aufnahmeplatte zu einem richtigen Bilde zu entwickeln. Gebraucht er nur die eine Flasche, so wird gar nichts daraus. Nimmt er die zweite Flasche dazu, so wird wenigstens etwas Negatives, das sogenannte Negativ, ein Bild, in dem das Helle dunkel und das Dunkle hell erscheint. Erst in einem dritten Prozeß entsteht ein richtiges Bild. Und da kann die zweite Flasche noch so gut sein und die dritte kann das feinste Gold enthalten, es hilft nichts, die erste Flasche darf nicht vergessen und ausgelassen werden. So ist es mit den drei Gnadenkrügen des dreifaltigen Gottes. Wenn wir gültig getauft, mit dem öl der Firmung gestärkt, mit den Wassern der Buße immer wieder reingewaschen, mit dem Brote des Altars genährt sind und dann die Priesterweihe oder den Ehering oder beides empfangen haben, dann denken wir, unser Leben sei ein volles und gutes, und wir bedürfen dann nur noch, wenn wir einmal dem Tode gar zu nahe kommen, der heiligen Ölung. Aber das ist alles nur aus dem einen Kruge, alles heilig, groß und schön, von Jesus mit seinem kostbaren Blute für uns erworben. Meine gewitzten Schulkinder von dazumal, die jetzt alle schon große 239