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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 102)
Language
German
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Gespenst, das an der Wand erscheint. Und noch mehr: Auch die Sterne gehören zum vollen Bilde eines Menschen. Und auch die Sonne, und auch der Mond. Ja. auch der Mond! Jetzt denkt vielleicht mancher, ich wolle die moderne These vertreten, daß der Mensch ein kosmisches Wesen sei, also die Ansicht, daß der Mensch ein aus allen Stoffen und Kräften des Weltalls zusammengesetztes und von dorther schicksalsmäßig gelenktes Wesen sei. Ich will aber viel viel weniger. Ich will nur ein kurzes Verslein erklären. Ich saß einmal einem Bauern gegenüber, als er gerade seinen neugekauften Kalender zu studieren anfing. Da wrar der Bauer wie eingetaucht und umhüllt und verklärt, als ob er ein ganz anderer wäre als sonst. So wie er ein ganz anderer ist, wenn er in der Kirche sitzt, ein anderer, wenn er als Sämann über das geeggte Feld schreitet, ein anderer, wenn er sein Stroh verkauft, ein anderer, wenn er vor dem Amtsrichter steht. Aber ein viel anderer. Damals standen in den Kalendern noch viel reichlichere Angaben astronomischer und chronologischer Art, also viel mehr von den Himmelszeichen und von der Zeitrechnung, vom Sonntagsbuchstaben, von der Goldenen Zahl, von den Epakten. Vor allem waren noch die einzelnen Tage den verschiedenen Zeichen des Tierkreises zugeteilt. Noch heute klagt mancher Bauer und manches Bauernweib, daß man solche Kalender schier nicht mehr kriegen könne. Sie wollen zwar mit ihrem bewußten Willen nur die Tage wissen, an denen sie am besten pflanzen und säen können. Aber unterhalb ihres bewußten Willens wollen sie viel mehr. Sie wollen ihre Lebenstage nicht ausschließlich unter der Herrschaft ihrer eigenen Klugheiten und Dummheiten wissen. Noch viel weniger wollen sie allein den „praktischen Ratschlägen" in ihrer landwirtschaftlichen Zeitung vertrauen. Sie wollen ein bißchen Himmel an jedem Kalendertag haben. Sie wollen geheimnisvolle Zahlen und Buchstaben in ihrem Kalender haben. Sie wollen kein Leben ohne Geheimnisse, denn sie wissen, daß alles ganz Offenbare und Klare und Berechenbare doch nicht das wahre Leben ist. Sie mögen es ja meist nicht mehr eingestehen; sie wollen als klug und kritisch gelten, aber unter ihrer Weste schlägt doch noch das Herz, das am liebsten glauben tut. Viel tausendmal lieber als wissen! 238

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