Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
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schließlich übriggeblieben sei wie eine Art Verdünnung der Erbmasse. Das wäre äußerlich und höchst oberflächlich. Denn das Werden der Natur ist kein quantitativer Prozeß und das Werden des Menschen keine Subtraktion; so wenig wie eine Addition, obwohl man dies gemeint hat, als man darwinisch dachte. Wohl aber ist alle Natur Auswirkung metaphysischer Potenzen, und so gesehen ist auch der organische Entwicklungsvorgang Auswirkung der im Menschen beschlossenen Kräfte. Hatte also der Mensch zu irgendeiner erdgeschichtlichen Zeit etwas Amphibienhaftes oder etwas Krebshaftes oder sonst dergleichen körperhaft an sich, so war dies nicht die Amphibiengestalt, die Krebsgestalt, wie wir sie fossil in der Erdgeschichte so oder so kennen; sondern diese selbst sind schon die aus dem Metaphysischen hervorgetretenen Offenbarungen, sind die Manifestationen seiner metaphysischen „Urform", sind lebendige Symbole für sein aus dem unerforschlichen Untergrund der Natur hervortretendes Wesen, nun in der physischen Welt einseitig spezialisiert und körperhaft „entwickelt". Wir könnten es fast theologisch ausdrücken: In Gott ist alles Geschehen nicht Willkür, sondern innere, heilige und freie Notwendigkeit. Wenn „Mensch" als Geschöpf hervorgehen sollte, mußte „Tier" und „Pflanze" in ihren Urbildern zuerst hervorgehen, damit — unbeeinträchtigt von pflanzen- und tierhafter Urbildmäßigkeit — das reine, tierlose Urbild Mensch erschiene. Es mußte also urbildhafte Tier- und Pflanzenschöpfung innerlich-notwendig reiner Menschenschöpfung vorausgehen; wie es uns der biblische Mythus zeigt. Entwicklungsgeschichtlich ausgedrückt, heißt das: Es mußte sich aus dem innerlich schon in den physischen Anfangszuständen des Lebensreiches grundsätzlich bestimmenden Menscbenurstamm genetisch Tierisches in immer stärkerer, immer menschenähnlicherer Form abtrennen, abspalten, damit immer reiner, immer unbelasteter, immer urbildmäßiger die physische Menschengestalt selber, wie wir sie jetzt kennen, zuletzt erschiene. Darum kommt der apollische Vollmensch erst am Ende der erdgeschichtlichen Zeiten, obwohl die Entelechie des Vollmenschen die organische „Urform" selber ist. Man muß also, wie schon angedeutet, durchaus in diesem paradox erscheinenden Doppelsinn zu denken wissen, um dem Entwicklungsproblem in seiner ganzen Tiefe gerecht zu werden; mit dem naiven äußerlichen Realismus und Empirismus der verflossenen Epoche ist es nicht mehr getan. Der hier entwickelte Gedanke, wohlbegründet auf naturwissenschaft- 234