Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823772--1219-2825034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sie sich durch Formenreihen, durch Ubergangsformen, durch das zeichnerische Bild des Stammbaumes mehr belletristisch als ernsthaft veranschaulichen; das hat bisher sogar die fachwissenschaftliche Forschung selbst ausschließlich getan. Aber das Problem erfassen kann man nur mit dem Sinn der Metaphysik. Alles andere bleibt Maschine mit Leerlauf. Und erst dann überwindet man das äußerlich Paradoxe, was unbedingt dabei zu denken ist, und verbindet das Widerspruchsvolle in der höheren Einheit. So muß man sich vor Augen halten, daß vielleicht gerade Einfachheit der Gestaltung, immer größere Einfachheit zugleich auch die größere und immer größere Vervollkommnung und Vollkommenheit sein mag; daß die „Urform44 auch am Ende stehen und erst dort klarer und klarer in die physische Erscheinung treten kann; daß der Mensch um so vollendeter, um so reiner, um so primitiver erscheint, je später er in dem natürlichen Entwicklungsprozeß heraustritt; daß es kein innerer Widerspruch ist, von einer Urform höchster Organisationshöhe und doch zugleich größter Einfachheit zu sprechen. Doch es darf ein Mißverständnis nicht aufkommen, wenn man hört, die organische Welt habe sich aus dem Stamm des Menschen abgespalten und einseitig jeweils abgezweigt. Nicht muß man es sieh so vorstellen, als ob die physische Menschengestalt zeugungsmäßig Tiere hervorgebracht habe; es mag so sein, insbesondere im Fall der Menschenaffen, worauf manche alte Uberlieferung hindeuten würde; aber es braucht nicht so zu sein, um trotzdem auch naturhistorisch haltbar zu sein. Man muß sich eben klarmachen, daß auch dies nur ganz im Metaphvsischen zu erfassen ist. Denn wie kein Tiertypus, kein Pflanzentyp jemals in seiner idealen l rform irgendwo physisch existierte, sondern immer nur und von Anfang an in einer oder vielen spezialisierten x4rten, so ist auch der Mensch physisch und real-entwicklungsgeschichtlich niemals als Urform dagewesen. Ks ist die jenseitig lebendige Entelechie, das jenseitig lebendige Urbild, die l rbildekraft, die sich manifestiert, einerseits als Menschenentwicklung, andererseits als Pflanzen- und Tierentwicklung und darum den physischen Menschen in der Naturreihe ganz ebenso wie Tier und Pflanze erseheinen läßt. Vor allem ist auch der Irrtum fernzuhalten, daß die aus der Erdgeschichte bekannten konkreten Gattungen und Arten der Organismen unmittelbar die ehemalige Form des Menschen als solche darstellten; oder daß er durch diesen Auseinanderlegungs- und Abspaltungsvorgang selbst 233