Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Tierwelt, wie sie wirklieh ist und war, ist aus der Menschenbahn oder der Bahn zum Jetztmensehen einseitig herausgetreten, abspezialisiert, überspezialisiert. In aller naturhistorischen organischen Entwicklung liegt der Mensch; aber nicht zuletzt und zufällig, sondern grundsätzlich und von Anfang an. Wenn es jemals eine physisch-physiologische „Urform4* in ältester, erdgeschichtlicher Zeit gab, war es die Urform des Menschen und deshalb die der Tiere und zuletzt auch der Pflanzen. Die Entwicklung des Lebensreiches ist, metaphysisch und physisch gesehen, die Offenbarung der Entelechie des Menschen. Nur eine jeder tieferen erkenntnistheoretischen Durchdringung bare Abstammungslehre konnte sich darüber täuschen, daß mit der Einführung des Begriffes Höher und Niederer in die physische Naturbetrachtung unmittelbar auch die uralte Idee vom Menschen als innerem Sinn, als innerer Potenz der Entwicklung notwendig mit übernommen war. Nur sie konnte innerlich so Widersinniges behaupten: das Höhere stamme vom Niederen ab, ohne daß das Höhere der ganzen Potenz nach eben in dem Niederen schon lebendig sei. Gibt es überhaupt eine organische, eine naturhistorisch-reale Entwicklung des Lebens durch die Zeiten der Vorwelt bis heute, so muß notwendig die höchste, die vollendetste Form zugleich Sinn und Inhalt der Urform selber sein. Damit aber mündet die naturhistorische Entwicklungslehre erkenntnismäßig wieder klar in die Metaphysik ein, aus der sie mit allen ihren Begriffen von Höher und Niederer, Vollkommen oder Primitiv, Entwicklung und Fortschritt. Art, Gattung und Urform überhaupt gekommen ist. Ohne diese Einstellung auf das Problem, ohne seine bewußte metaphysische Durchdringung ist die ganze biologisch-entwicklungsgeschichtliche Forschung eine Maschine mit Leerlauf. Es ist vergleichsweise so, wie mit den Problemen der Relativitätstheorie: man kann sie bejahen oder verneinen; aber wirklich verstehen, was gemeint ist, wirklich verslehen. wo der Sinn solcher Erörterungen liegt, kann nur der, dem die Fälligkeit eigen ist, den ganzen mathematischen Zusammenhang zu durchdringen und die Funktionsketten in einem zu überblicken. Hat man dies nicht, so kann man wohl durch allerlei Vergleiche, wie den einer unendlichen und doch begrenzten Fläche, als welche sich die Kugel darstellt, das Paradoxe etwas veranschaulichen; aber verstehen kann man das Problem nicht. Genau ebenso ist es mit der Entwicklungslehre. Man kann 232