Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 93)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823772--1215-2825030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
kommen, sondern als abgezweigte, ihm gegenüber überspezialisierte „blind endigende Seitenäste" des gemeinsamen Stammbaumes. Diesen Stammbaum, oder vielmehr seine Ausgangsform., sucht man neuerdings bei einem Affen der Alttertiärzeit. Es ist ein kleines Kieferchen aus Ägypten, das in bezug auf den Menschen- und Menschenaffentyp ein sehr primitives Gebiß, auch keinen starken Eckzahn hat. Weiter kennt man nichts, als diesen Unterkiefer. Wenn einmal mehr bekannt sein wird, so wird sich eben das ergeben, was sich mit allen fossilen Urformen, Mischformen, Ubergangs- und Wurzelformen bisher ergab und was wir oben schon genau bezeichnet haben. Und was das Gebiß als Verwandtschaftsmerkmal betrifft, so ist es nach Adloff überhaupt zweifelhaft, ob die Affenzahnreihen in allem denen der Anthropoiden homolog sind; will sagen, ob die gleiche typenhafte und damit genetisch einheitliche Grundlage für beides da ist, also ob sie „verwandt" sind. Soweit wir also mit dem Menschen nun Säugetiere in genetischen Zuz? sammenhang bringen können, wie eben gezeigt, erweisen sie sich als einseitigere Spezialisationen. Das aber heißt, daß der Mensch der ideellen „Urform" nähersteht, daß der Mensch primitiver ist, daß er also, wenn vielleicht auch das höchste Geschöpf, so doch gewiß nicht ein unter seinesgleichen sehr spezialisiertes Geschöpf ist. Seine Spezialisation beschränkt sich auf jenes vorhin schon genannte Moment, wonach eben jedes Lebewesen, um in der physischen Welt leben zu können, irgendw ie spezialisiert sein muß, weil es Idealschemen im Leben nicht geben kann; aber der Mensch hat innerhalb seines Typus nicht jene entwicklungsgeschichtliche Spezialisation, die wir als Ergebnis von Anpassungsreihen ansehen müssen. So ergibt sich, daß der Mensch primitiv in bezug auf seine tierische Nachbarschaft ist. Und diese Primitivität ist nun von Bolk in Ynisterdam in einer Weise charakterisiert worden, daß damit die ganze alte Abstammungslehre zusammenbricht. Bolk zeigt, daß jeder Tv pus der Wirbeltiere einseitiger entwickelt ist und damit, wenn man es entwicklungsmechanisch ausdrückt, in der allgemeinen Spezialisierung schneller „vorwärtsgetrieben44 ist, als der Mensch. Das höhere Tier, sagt Bolk, entbehrt der Menschenform nicht, weil es sie nicht erreicht, sondern weil es sie zu schnell durchschreitet; der Mensch hat die Anlage zur Tierwerdung in sich, verwirklicht sie aber in der leiblichen Bildung nicht; der Mensch sei eine gehemmte, aber zur Reife ausgewachsene Keimform, 229