Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 90)
- Language
- German
- Belongs to
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Sinn, daß nun durch Wandlungen ein neuer Typus entstanden wäre; sondern stets sind es Auswirkungen innerhalb der Grundorganisation. Das allmähliche Höherwerden des gesamten Tier- und Pflanzenreiches im Lauf der Erdgeschichte beruht also nicht auf stammlinienhafter Umwandlung, sondern einfach darauf, daß höhere Typen, höhere Grundorganisationen zu einer bestimmten Zeit eben da sind. Oft bemerkt man später, daß sie auch zuvor schon da waren, aber noch nicht gefunden oder übersehen worden waren. Das ändert nichts daran, daß sie auch dann stets als Tvpen, als Grundorganisationen da sind oder waren. Erscheinen sie. so erscheinen sie in vielen oder wenigen oder nur einer Art, vermehren, verzweigen, spezialisieren sich dann. Aber auch vom ersten Augenblick an sind sie schon in spezialisierten Arten da. Denn jedes Lebewesen muß spezialisiert sein in bezug auf seine Lebensbedingungen und seine Lmwelt, sonst könnte die Art überhaupt nicht physisch existieren. Daraus ergibt sich nun, daß wirkliche Organismen — abgesehen von den oben genannten hypothetischen des erhofften Stammbaumes — stets als spezialisierte Arten leben müssen und mußten; daß also niemals schematische Formen, „Urformen" im alten deszendenztheoretischen Sinn physisch existiert haben können; daß mithin niemals in den Schichtungen der Vorwelt solche Stammbaumarten werden gefunden werden können. Alle wirklich lebendigen oder ehemals lebendigen Arten sind immer spezialisiert, und das, was wir an Formenreihen finden, sind immer nur Grade der weiter oder weniger weitgetriebenen Spezialisation, in bezug auf bestimmte Lebenserfordernisse und Lebensräume. Damit ist ein anderer Grundbegriff der Abstammungslehre bis ins Mark hinein getroffen: der des „Fortschritts46. Ebenso unbesehen und selbstverständlich, wie man den Menschen als höchste Spitze, also höchste Organisation des Stammbaumes immer ansah; ebenso unbedenklich, wie man „höher und niederer" sagte; ebenso unklar, wie man dies mit „spezialisiert und unspezialisiert" verwechselte — ebenso undurchdacht nahm man den „Fortschritt" im Lebensreich hin. Der Fortschritt innerhalb eines sich in seinen vielen oder wenigen Arten stets wandelbar darstellenden, aber dennoch seine Grundorganisation beibehaltenden Typus ist stets einseitige Spezialisierung in bezug auf einzelne Lebenserfordernisse. Dies geht immer auf Kosten anderer Entwicklungs- oder besser: Spezialisierungsmöglichkeiten. Am Ende steht das Aussterben. Die Folge 226