Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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EDGAR DACQUfi DER MENSCH ALS URFORM Der Streit über die naturhistorisch-entwicklungsgeschichtliche Herkunft der Menschengestalt ist heute wieder neu im Aufleben. Die alte, stamrubaummäßige Idee, daß der Mensch als letzter später Zweig am Lebensbaum hervorgesproßt und aus „höheren Säugetieren" hervorgegangen sei, hat keine anderen Gründe mehr für sich als den nur formalen, daß das Linnesche System in seiner Stufenfolge derTvpen auch der natürliche Ausdruck für den Gang der Entwicklung des Gesamtlebens sei. Aus diesem Formalismas ist seinerzeit das Stammbaumbild hervorgewachsen. Als man durch die vergleichende Anatomie gewahr wurde, daß sich die organischen Gestalten als Ausdruck physischer Umwandlung deuten ließen, und als man nach diesem Werdegang suchte, dachte man an einen Aufstieg vom Niederen zum Höheren und sah diesen Weg eben vorgezeichnet in der Pyramide des Linneschen Svstems. So ist die Stammbaumlehre ihrem Geist nach eine Erbschaft aus dem 18. Jahrhundert, wo man von dem Aufstieg der Menschheit schwärmte und sich nichts anderes denken konnte als den Weg vom rohen Troglodyten zu Weimarer Geistigkeit. Es war Naturoptimismus. Am Anfang des 19. Jahrhunderts und dann um die Mitte, in Darwin den Höhepunkt erreichend, wurde diese allgemeine Idee unterbaut durch die biologische Entwicklungslehre, wonach nicht nur der Mensch, sondern das gesamte Tier- und Pflanzenreich aus niedersten Anfängen durch ewige Fortzeugung und Wandlung im Kampf mit der Umwelt und als Reaktion auf die Lebenserfordernisse hervorgekommen sei. So war dargetan, daß die gesamte Entwicklung eben dem Menschen als letztem und höchstem Ziel vorläufig zugestrebt habe. ~ ~ Man sieht schon daran, daß die biologische Abstammungslehre unwillkürlich den Menschen als oberste Spitze ansah. Alles, was an Tiertypen bekannt war, seien es fossile oder lebende, konnte man aber nicht in den Stammbaum des Menschen hereinnehmen. Denn keine dieser Gestalten war so geartet, daß sie nicht in bestimmter einseitiger Richtung spezialisiert gewesen wäre. Es ist ein in der Natur der Sache liegender, vergleichend anatomischer Grundsatz, daß ein einseitig Entwickeltes nicht der ' TD naturhistorische Ahne eines späteren, weniger Spezialisierten sein könne. Zwar gibt es rückläufige Wandlung, Abstieg der Entwicklung; aber dieser ist jeweils daran zu erkennen, daß Organe und Gestaltungen da sind, 223