Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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wie ich selber, nach langem Warten schreibend was zu schreiben ist, es nehme, — ebenso ernst, nur eben mit negativem Vorzeichen. Den bloßen inimicus, als den ich jeden ansehe, der mich aufs Ideologische abdrängen und da gelten lassen will, würde ich gern missen. Dem amicus brauche ich an dieser Stelle nichts zu sagen. Der Stundenschlag der gemeinsamen Sterblichkeit und des gemeinsamen egs schlägt an seine und meine Ohren, als stünden wir auch im Raum beisammen und kennten einander. Dem adversarius aber — es genügt nicht, ihm an dieser Stelle zu sagen, worauf ich ihn hinweise: auf die Verborgenheit seines persönlichen Lebens, auf sein Geheimnis, und daß er, wenn er über eine sorgsam gemiedene Schwelle tritt, das entdecken wird, was er leugnet. Es genügt nicht. Ich darf seinen schwersten Einwand nicht abweisen, ich muß den annehmen, wo und wie er erhoben wird, und muß antworten. Nun sitzt also der adversarius in seiner aktuellen, zeitgeistgemäßen Erscheinungsform mir gegenüber und spricht, mehr über mich weg als auf mich zu, in Tonfall und Haltung des üblichen personfreien L niversalduells: „In alledem wird der Tatsächlichkeit unseres gegenwärtigen Lebens nicht Rechnung getragen, ja der Bedingtheit des Lebens überhaupt. Alles, wovon Sie reden, begibt sich im Nirgendwo, nicht in der sozialen Umwelt, in der wir nun einmal unsere Tage verbringen und v on der, " er* wenn von irgend etwas, unsere Realität bestimmt wird. Ihre .zwei Männer6 sitzen auf einer einsamen Bank, offenbar während einer Ferienwanderung; in einem Großstadtbureau würden Sie sie nicht sitzen lassen können, da würde ihnen das ,Sakramentale* nicht gelingen. Ihr .abgebrochenes Gespräch4 findet zwischen Intellektuellen statt, die Muße haben, ein paar Monate vor dem ungeheuren Massengeschehen Phantasien von seiner Verhütung durch geistige Einw irkung zu spinnen. Das mag ja ganz interessant sein für Leute, die in keine Pflicht genommen sind. Aber soll der Handelsangestellte sich seinen Kollegen „rückhaltlos mit- & r* teilen4? Soll der Arbeiter am Fließband „aus denn was ihm widerfährt, eine Anrede empfangen4? Soll der Leiter eines technischen Riesenunternehmens ,dialogische Verantwortung üben*? Sie fordern, daß man in die Situation eingehe, die einen antritt, und vernachlässigen die dauernde Situation, in der sich jeder von uns, soweit er am Leben der Gesellschaft 217