Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 80)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823772--1202-2825017
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Moral und Religion Verantwortung, die nicht einem Wort antwortet, ist eine Metapher der Moral. Wer aber die reale, die dialogische Verantwortung übt, braucht den Sprecher des Worts, dem er antwortet, nicht zu benennen-er kennt ihn in der Substanz des Wortes, das andringend, eindringend, den Tonfall einer Innerlichkeit annehmend, ihm das Herz des Herzens bewegt. Einer kann mit aller Kraft abwehren, daß „Gott" da sei, und kostet ihn im strengen Sakrament der Zwiesprache. Man meine jedoch nicht, daß ich die Moral fraglich mache, um die Religion zu rühmen. Religion hat zwar vor der Moral dies voraus, daß sie t? o 7 eine Tatsache und kein Postulat ist, und weiter dies, daß sie außer der Entscheidung auch die Gelassenheit zu umfassen vermag; die Wirklichkeit der Moral hat Platz in ihr, ihre Wirklichkeit nicht in der Moral. Aber wenn sie sich genugtut und sich behauptet, ist sie noch weit bedenklicher als jene, eben weil sie tatsächlicher und weil sie umfassender ist. Religion als Wagnis, die sich selber aufzugeben bereite, ist der nährende Arterienstrom: als System, besitzend, gesichert und sichernd, Religion, die an Religion glaubt, ist sie Venenblut, das ins Stocken geriet. Und wenn es nichts gibt, das uns so das Antlitz des Mitmenschen verstellen kann wie die Moral, kann die Religion uns wie nichts andres das Antlitz Gottes verstellen. Prinzip dort, Dogma hier, ich weiß die „objektive" Dichtigkeit des Dogmas zu schätzen, aber hinter beiden lauert der — profane oder heilige - Krieg gegen die dialogische Gewalt der Situationen, lauert das Ein-für-allemal, das dem unvorhersehbaren Augenblick widersteht. Das Dogma ist, auch wo sein Herkunftsanspruch unbestritten bleibt, die erhabenste Form des Gefeitseins gegen die Offenbarung geworden. Die will kein Perfektum dulden, aber der Mensch mit den Künsten seines Sicherungswahns steift sie zur Perfektion ab. Der bedingte Mensch Ich erhoffe diesen Hinweisen zwei Arten von Lesern. Den amicus, der um die Wirklichkeit weiß, auf die ich, mit einem Zeigefinger, den ich so ausstrecken können möchte wie Grünewalds Täufer, hinweise, und den hostis oder adversarius, der diese Wirklichkeit leugnet und darum mich, weil ich darauf als auf eine Wirklichkeit, also irreführend, hinweise, bekämpft; der also doch wohl das, was hier gesagt wird, ebenso ernst nimmt, 216

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.