Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 79)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823772--1201-2825016
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

einer einen andern fragte, ob auch er höre, und der bejahte, hätten sie sich nur über ein Faktum und nicht über einen Inhalt verständigt. Die Laute aber, aus denen die Rede besteht — ich wiederhole es, um das vielleicht doch noch mögliche Mißverständnis zu beseitigen, ich meinte etwas Außerordentliches und Uberlebensgroßes—, sind die Begebenheiten des persönlichen Alltags. In ihnen werden wir angeredet, wie sie nun sind, „groß" oder „klein", und die als groß geltenden liefern nicht größere Zeichen als die andern. Damit, daß wir ihrer innewerden, ist jedoch unsere Haltung noch nicht entschieden. Immer noch können wir das Schweigen um uns schlagen - eine für einen bedeutenden Typus des Zeitalters charakteristische Entgegnung— oder in die Gewöhnung ausweichen; obwohl wir beidemal eine durch keine Produktivität und durch keine Betäubung zu vergessende c? Wunde davontragen. Doch es kann geschehen, daß wir zu antworten uns unterfangen, stammelnd etwa, zu sichrerer Artikulation langt uns nur selten die Seele zu, aber es ist ein rechtschaffenes Stammeln, wie wenn zwar Sinn und Kehle einig sind in dem, was zu sagen ist, aber die Kehle darüber zu erschrocken, um den schon geschlichteten Sinn rein auszutönen. Die Worte unserer Antwort sind in der, wie die Anrede unübersetzbaren Sprache des Tuns und des Lassens gesprochen, — wobei das Tun sich wie ein Lassen und das Lassen wie ein Tun gebärden darf. Was wir so mit dem Wesen sagen, ist unser Eingehen auf die Situation, in die Situation, die uns eben jetzt angetreten hat, sie, deren Erscheinung war nicht kannten und nicht kennen konnten, weil es ihresgleichen noch nicht gegeben hat. Wir werden nun mit ihr nicht fertig, daraufhaben wir verziehten müssen, nie ist mit einer Situation, deren man inne ward, fertig zu werden, aber wir bewältigen sie in die Substanz des gelebten Lebens ein. So er>t„ dem Augenblick treu, erfahren wir ein Leben, das etwas anderes als eine Summe von Augenblicken ist. Dem Augenblick antworten wir. aber wir antworten zugleich für ihn, wir verantworten ihn. Ein neuersehatfenes Weltkonkretum ist uns in die Arme gelegt worden; wir verantworten e>. Ein Hund hat dich angesehen, du verantwortest seinen Blick, ein Kind hat deine Hand ergriffen, du verantwortest seine Berührung, eine Menschenschar regt sich um dich, du verantwortest ihre Not.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.