Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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auf das Gemüt und sei deshalb geeignet, als besonderer Antrieb zur Aussage der Wahrheit zu dienen. Der Staat dürfe sich dieses Mittel, um auf den Zeugen einzuwirken, nicht entgehen lassen44. So noch in unserem Jahrhundert eine Kommission hervorragender Praktiker zur Reform des Strafprozesses. So denn auch die erdrückende Zahl unserer Richter, Anwälte und Staatsanwälte, so unsere Gelehrten ohne einen Gedanken an deu wahren Sinn des Eides. Nur selten fällt ein grelles Licht auf diese Anschauungen, wenn etwa ein Abseitsstehender wie Adolf Dochow in die Worte ausbricht: „Wären unsere religiösen Zustände nicht so durchaus unwahr, so müßte die Verweigerung der Eidesleistung täglich vorkommen"*. Der wahre Sinn des Eides ist völlig vergessen. Fremd und unpraktisch mutet es uns an, wenn etwa Zacharias Frankel, der bedeutende Rabbiner aus der Mitte de-, vorigen Jahrhunderts, verlangt: „Der Eid darf nie ganz zum Rechtsmittel herabgewürdigt werden . . und ruft ihn die Jurisprudenz zur Aushilfe herbei, so muß sie selbst die ihm gebührende Ehrerbietung im Auge behalten . . o o Oder gar wenn der mvstisch-romantische Karl Friedrich Göschel (1836) kühn und tief die Bergpredigt auslegt: „Du verletzest das Gebot und Privilegium des Eides, wenn du aus dir selbst und um deinetwillen schwörst. Du sollst nicht aus dir, sondern aus Gott. schwören; du sollst nicht schwören, um dich zu vermessen, sondern um dich zu beugen, nicht schwören, um dich aus dir selbst zu überheben, sondern um dich v on der Kraft, die in dem Schwachen mächtig ist, läutern und erheben zu lassen. Du -ollst nicht schwören ohne Kampf, nicht schwören ohne Schmerz über die Sünde, die den Eid in dieser Art notwendig macht . . . Du sollst vor Gott dich, du sollst vor dem Evangelium deine Stellung zu Gott und zu deinem .Nächsteu ernstlich prüt'en, du sollst den Herrn vom Berge Sinai donnern und deinen Heiland vom Berge Segen sprechen hören: ziehe deine Schuhe aus von den Füßen, wenn du vor Gott trittst, und wasche deine Hände, ehe du sie zu ihm erhebst. Mit einem Worte: Du -oll-t nicht fluchen, sondern schwören". 9 Die Praxis verrät jedenfalls eine solch hohe Auffassung nur selten. Auch heute gilt, was der alte Gottlieb Wilhelm Rabener in seinen Satiren (1768) lebenswahr und mit geringen Übertreibungen schildert: „. . . Frauenzimmer, welche sich würden geschämt haben, ihrem Bräutigam vor dem Altare anders, als mit einer ehrbaren und gesetzten Miene die \ er>icherung ihrer Treue zu geben, hüpften mit dem flatterhaften Leichtsinn einer ( oquette vor den Richterstuhl, und schwuren mit lachenden Mienen den schrecklichsten Eid. Männer, und Männer, deren Amt vielmals erfordert, daß sie selbst andere vor dem Meineide warnen müssen, verrichten diese Handlung mit einer m> trecheu Sorglosigkeit, daß sie um nichts bekümmert zu >ein scheinen, als wie sie ihre Füße 191