Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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meinen, in der Absicht, die dem ganzen Buch zugrunde liegt und die den Zusammenhang und den Fortgang von Satz zu Satz, von Abschnitt zu Abschnitt herstellt, die den Raum ausfüllt, der zwischen den Worten und den Zeilen ist, dann sind wir im wesentlichen einig: in der Abwehr jener Absolutheitsansprüche des Denkens, die in Wahrheit nur ein Ausweichen vor der in der „Gegenwart", in jedem Augenblick geforderten Verantwortung sind. Im übrigen, scheint es, gehen wir verschiedene Wege, da Sie den Konflikt als einen einmaligen, prinzipiellen darstellen zwischen zwei in sich selbständigen Sphären, während mein Ort an der Grenzscheide selber, im kritischen Felde, im gefährlichen Augenblick der Entscheidung ist. Sie ziehen die Frontlinie vertikal, ich suche sie horizontal zu ziehen. Bei Ihnen wie bei mir handelt es sich um dieselbe Entscheidung, aber Sie fordern sie zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen Innen und Außen, Erinnerung und Gegenwart, Erkenntnis und Wirklichkeit. Ich halte diese Scheidung realiter, d. h., wenn es sich um den Menschen selber handelt, nicht für möglich, sie scheint mir nur theoretisch durchführbar, da auch der Erkennende in der Wirklichkeit steht und da der reale Mensch auch in die Wirklichkeit nicht ohne Erkenntnis, in die Gegenwart nicht ohne Erinnerung eintreten kann. Ich glaube nicht, ein „neues" Denken gewonnen zu haben, das in diesem Konflikt, in dieser Ungesichertheit einen sicheren Standpunkt gibt. Ich glaube vielmehr gerade gezeigt zu haben, was den Menschen befähigt, die Ungesichertheit auszuhalten, in der Funktion zu bleiben und sich nicht auf das Substantielle zu retten, der Versuchung zu entgehen, die Erkenntnis durch prinzipielle Betonung zu verabsolutieren und der Problematik zu entziehen. Ich glaube nicht, daß der Mensch das von sich aus kann. Weil von einem Ich die Rede ist, das arm ist und nicht aus sich selber existiert, mußte auch vom Glauben die Rede sein, der nicht ein Prinzip, also eine Waffe des Ichs für seine Zwecke, ist, sondern der dem Ich die einzige Existenzmöglichkeit bietet. 189