Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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um eine Entscheidung in der Vertikale, sondern um die Entscheidung in der Horizontale, die in jedem Augenblick des Lebens von neuem gefällt werden muß. Im Felde des Denkens ist diese Aufgabe der Kritik die des kritischen Verstehens. Die Aufgabe des kritischen Verstehens ist nicht bloß gerichtet auf den zeitlosen, logischen Sinn der Worte (den es gar nicht geben kann, da Logik nur formal ist und mit dem Inhalt nichts zu tun hat), sondern auf den Sinn der Worte an ihrem Ort, in ihrer Zeit, aus ihren Grundentscheidungen. Es ist also gefordert, das Gedachte in seinem Geltungsbereich, mit seiner Grenze zu verstehen und der kritische Maßstab des Verstehens heißt, daß das Gesagte nur von dem gilt, über das es gesagt ist. Daß es so ist, daß das Gesagte nicht weiter reicht, nicht einmal so weit der Klang der Worte reicht, das ist die Not unserer Zeit. Das ist der Ausdruck des Mangels jeder Gemeinsamkeit, die immer nur eine Gemeinsamkeit der Grundentscheidungen, des Selbstverständlichen, der Wertungen sein kann, die dem Rationalen vorangehen. Vielleicht haben es die Menschen nie schwerer gehabt, einander zu verstehen. Die Probleme des objektiven Geistes, die die Philosophie der klassischen Zeit beschäftigen, sind uns aus den Augen gekommen, sind uns verdeckt durch die viel näher liegenden Probleme, uns überhaupt zu verstehen. Eine Philosophie des objektiven Geistes ist heute eine nutzlose und leere Beschäftigung, sie ist wirklich nur noch eine Erinnerung, die den uns gestellten Fragen ausweicht. Vielleicht wird Philosophie im klassischen Stile überhaupt nicht mehr möglich sein. Können wir die Erfahrung, die wir heute machen, je wieder vergessen, daß der objektive Kern des reinen Denkens nur eine kleine Handvoll formaler Prinzipien ist, daß aber der „objektive" Geist, soweit er inhaltlich ist, nicht dem rationalen Felde angehört? Die Autonomie der Philosophie reicht nur soweit die Rechenmaschine reicht, jenseits dieser Grenze hat auch sie teil an der Ungesichertheit und Erlösungsbedürftigkeit unseres ganzen Lebens. * Ich bin am Ende. Stimmen wir nun im wesentlichen überein oder gehen wir im wesentlichen auseinander? Wenn das Wesentliche nicht an der Oberfläche des Gesagten, nicht im absoluten Wortsinn, d. h. im Sinn der isoberten, aus ihrem Zusammenhang herausgezogenen Worte gesucht wird, sondern in ihrem kritischen Verständnis, in dem was sie 188