Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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denkende Mensch ebenso wie der handelnde Mensch in der Problemlage der Gegenwart steht, also vor die Entscheidung gestellt und verantwortlich ist. Ihre radikale Kritik der Erkenntnis-überhaupt bringt es mit sich, daß Sie das Leben des Menschen aufteilen in ein Bereich der Verantwortlichkeit und der NichtVerantwortlichkeit. Wenn die Erkenntnis im ethischen Felde nicht zuständig ist, so heißt das, daß der Erkennende auch nicht verantwortlich ist. Der Mensch ist aber immer verantwortlich, auch da, wo er nicht handelnder, sondern denkender Mensch ist. In Wahrheit geben auch Sie dein denkenden Menschen an der Stelle, wo er bei Ihnen vorkommt, wo er auch bei Ihnen vorkommen muß, bei der Kritik (wenn auch kaum zugestanden und fast widerwillig) eine Verantwortung, nämlich durch ..Redlichkeit und Wahrheitsliebe44 den Scheincharakter der Erkenntnis aufzudecken (S. 474). Hier steht die Haltung des Erkennenden der Erkenntnis gegenüber, wenn Sie auch das Resultat der Kritik wieder in die Erkenntnis mit einbeziehen. Streng genommen dürften Sie, dessen Buch ja nur den einen Sinn hat, das Feld der Verantwortung von dem der Verantwortungslosigkeit zu scheiden, die außerverantwortliche Welt nicht bloß in ihre Schranken weisen, sondern Sie müßten Sie, das fordert der Radikalismus Ihrer Kritik, als außerverantwortliche ganz verwerfen. Daß Sie das nicht tun, ist nicht begründet, sondern widerspricht Ihren Gründen. Sie dürften sich nicht damit begnügen, das was erkenntnistheoretisch Erscheinung ist, ethisch als Schein zu erklären, sondern Sie müßten den Schein als Trug verurteilen. Da Sie das nicht tun, erhält die humanistische Welt die schiefe Stellung des ..unbedingten" Wertes. Wenn ich sage, daß der Mensch immer verantwortlich ist, so heißt das nicht, daß er für alles verantwortlich ist, daß er fähig wäre, eine absolute Verantwortung zu tragen. Er ist nicht verantwortlich im Bereiche der formalen Gesetzmäßigkeit, also als Denkender nicht, soweit das Denken durch rein logische Gesetze konstituiert und beherrscht ist. Aber ich vermute, daß dieses Bereich, wenn es auf das rein Formale beschränkt wird, schmaler ist, als es in den dickleibigen Darstellungen der Logik erscheint. Diese Gesetzmäßigkeit ist im Grunde nur die der Rechenmaschine. Wenn es nicht möglich war und nicht möglich sein wird, über das engbegrenzte Leistungsgebiet der Rechenmaschine hinaus Denkmaschinen zu bauen, so liegt der Grund darin, daß für das kompliziertere 186