Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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die bestimmte Bedeutung und der Umfang des Subjekt wort es, da ja eine Aussage nur von dem Gegenstand gelten kann, über den sie gesagt ist. Es gehört dazu, wenn ich Ihr Buch als Beispiel nehme, der bestimmte Sinn, in dem Sie von Gegenwart, Erkenntnis, Wirklichkeit, Erfahrung usw. sprechen. Daß Sie es in diesem Sinne tun, weist auf Voraussetzungen hin, von denen Sie nicht sprechen, die aber einen Denkzusammenhang begründen, innerhalb dessen das, was Sie sagen, erst verständlich wird. Auf diesem Felde der unausgesprochenen, „selbstverständlichen" Voraussetzungen, der Grundentscheidungen, liegen die Hauptaufgaben und -Schwierigkeiten eines kritischen Verstehens. Die formalen, transzendentallogischen Prinzipien der Wahrheit sichern nur die formale Allgemeingültigkeit der Wahrheit, sie sagen aber nichts über ihren Inhalt. In einer geistig einheitlichen und verbundenen Welt können die selbstverständlichen Voraussetzungen des Denkens unberücksichtigt bleiben, weil sie eben allen selbstverständlich und gemeinsam sind. Man steht auf demselben Boden und im selben Raum, man spricht dieselbe allgemeinverständliche Sprache, so daß der Anschein entsteht, daß die Erkenntnis nur auf logischen, rationalen Prinzipien beruhe. Erst wenn der einheitliche, gemeinsame Boden zerbrochen ist, treten die in die Tiefe reichenden Wurzeln des Denkens zutage, die vorher nicht bewußt gewordenen außerrationalen Voraussetzungen und selbstverständlichen Wertungen. Weil das Selbstverständliche nicht mehr gemeinsamer Besitz ist, hört auch das Verstehen auf selbstverständlich zu sein und wird problematisch. Um zu verstehen, was gesagt ist, ist es notwendig, das Gesagte an seinem Ort und von seinen Voraussetzungen aus zu verstehen, um es in seinem eigenen Raum, der zugleich seine Geltungsgrenze ist, zu verstehen. Es zeigt sich nun die frühere Uberschätzung der formalen Logik, denn nicht sie war es, die den Raum des Verstehens schuf, sondern die Gemeinsamkeit des Selbstverständlichen. Es erweist sich auch, daß es falsch war, von einer Autonomie der Erkenntnis zu sprechen, die Erkenntnis als ein Gebiet anzusehen, das in sich selber durch seine eigenen rationalen Prinzipien begründet und abgeschlossen wäre. Die Bedeutung der Logik für die Erkenntnis ist nur die einer formalen Statik. Der wahre Grund und die wahre Problematik der Erkenntnis liegt aber in der dunkeln Tiefe des Gesamtmenschlichen. Diese Tiefe ist nicht mehr bloß der Gegenstand des Denkens, der durch das Denken bewältigt und beherrscht 181