Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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wichtig, und ich glaube, daß hier der eigentliche Grund unserer Differenz hegt. In Ihrem ganzen Buche sprechen Sie nur von der Erkenntnis, nicht vom Erkennenden. Daher sprechen Sie auch von einer „Haltung66 nicht bei der Erkenntnis, sondern nur bei den „Gegenwärtigen64. Warum das? Diese Zuteilung hat ihre Parallele darin, daß Sie im Felde der Erkenntnis vom Ich nur als von dem satanischen Ich sprechen und nur außerhalb der Erkenntniswelt von einem Ich, das der Begegnung mit dem Du, der Erfahrung, dem Leiden geöffnet ist. Einer grundsätzlichen Scheidung zweier Welten der Ich-Herrschaft und des Ich-Leidens, oder des bösen und des guten Ichs, könnte ich wohl zustimmen (wenn ich auch nicht recht wüßte, wozu sie gut wäre), aber diese Scheidung nicht bloß als grundsätzliche, sondern als reale zu vollziehen, scheint mir unmöglich, und erst recht vermag ich nicht einzusehen, mit welchem Recht Sie die Grenze bestimmen als die Grenze zwischen der humanistischen Welt und der Gegenwart. Gibt es nicht auch außerhalb der Erkenntnis das satanische Ich und warum sehen Sie gerade in der Erkenntnis sein besonderes Betätigungsfeld? Ich kann das wiederum nur daraus verstehen, daß Sie nur von Erkenntnis (als Inhalt, nicht als Funktion) sprechen und infolgedessen auch vom Ich der Erkenntnis nicht als dem Subjekt, sondern nur als dem Prinzip der Erkenntnis. Die „selbige menschliche, immer gleiche Natur66 als „der Kern aller Systeme und Wesensentfaltungen66 ist Ihr Gegenstand. Wenn Sie es nicht als ein ethisches, sondern als ein logisches Urteil bezeichnen, daß es zum Wesen des Ichs gehöre, „sich unbegrenzt zu entfalten46, so wird damit ja ganz deutlich, daß Sie nicht vom wirklichen Ich sprechen, sondern von einem Begriff des Ichs, denn nur dieser kann ein logisches „Wesen66 haben. Der „Zirkel des Selbst66, von dem Sie einmal sprechen, besteht darin, daß das Ich, als satanisches Ich, sich selbst zum Prinzip der Erkenntnis, der humanistischen Welt überhaupt, macht. Aber macht es sich wirklich selbst zum Prinzip oder ist es in Wahrheit nicht eine, nämlich Ihre Theorie der Erkenntnis, die es zum Prinzip macht? Jedenfalls gibt das Ihrer Erkenntniskritik notwendig die Radikalität, die Sie bei mir vermissen. Da Sie die Erkenntnis als eine Entfaltungsform des Selbst ablehnen, spielen die verschiedenen möglichen Standpunkte des Selbst, die Mannigfaltigkeit der Prinzipien der Erkenntnis, 178