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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 41

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 41)
Language
German
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Gegenwart, eine Deutung der Zeit. „Die Identifizierung von Wahrheit und Wirklichkeit ist mit Wahrhaftigkeit nicht zu vereinbaren*" - Diese Unterscheidung kann nicht wichtig genug genommen werden und ich möchte dasselbe noch allgemeiner sagen: einWort darf nicht für eine Sache genommen, nicht als Standpunkt eingenommen werden. Sie greifen nun auch das neue Denken als einen möglichen Standpunkt an. Aber das neue Denken gehört nicht der Sphäre des Gedachten an. Wenn ich vom Denken spreche, so meine ich den Denkenden, nicht die Inhalte des Denkens; und den Denkenden nicht bloß als denkenden Kopf, sondern als denkenden Menschen. ,,Neues Denken44 ist eine neue Einstellung des Menschen zum Gedachten. Ich erinnere Sie an den Satz: „Da* Nein» im neuen Denken kommt nicht aus dem Denken selber, sondern aus anderer Quelle.66 Diese Unterscheidung liegt auch meinem Aufsatz über die Wissenschaft zugrunde, der die Wissenschaft nicht als System der wissenschaftlichen Erkenntnis, nicht von der Erkenntnistheorie aus. überhaupt nicht im Spiegel irgendwelcher Theorien über die Wissensehaft zu verstehen sucht, sondern als wissenschaftliches Denken, als die besondere Einstellung des wissenschaftlich Denkenden zur Wirklichkeit im Gegensatz zur vorwissenschaftlichen Einstellung. Sie sagen: „Im Spiegel der Wahrheit ist die Wirklichkeit niemals zu erkennen." Im Spiegel der Wahrheit über die Wissenschaft ist auch die Wissenschaft nicht zu erkennen, sondern nur da, wo Wissenschaft „geschieht", im Denken. Ich glaube mit Ihnen nicht, daß man ein neues Denken im Sinne einer neuen Wahrheit anbieten kann und daß man in einer „neuen" Wahrheit die entscheidende Grundlage einer wirklichen endlichen Welt der Gemeinschaft, der Politik, der Erziehung gewinnen kann. Ich weiß mich darin ganz einig mit Ihnen, daß das weder eine alte noch eine neue W ahrheit kann; gerade gegen diesen Anspruch ist meine Kritik des prinzipiellen Denkens gerichtet, denn dieser Anspruch ist es erst, der das Denken zu einem prinzipiellen Denken macht. Der Wahrheit an sieh ist dieser Anspruch fremd, denn er fordert mehr als nur die formal-logisch begründete Allgemeingültigkeit. Daher ist auch meine Kritik des prinzipiellen Denkens nicht, wie Sie es fordern, eine radikale Kritik der Erkenntnis überhaupt, sondern sie unterscheidet zwischen Erkenntnis und prinzipiell betonter Erkenntnis. Diese Unterscheidung, die ich bei Ihnen vermisse, halte ich für sehr

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